Traumleben

Archiv-Nr. 73Z27 / Laufzeit: 41h 40min

Dieser Vortrag wurde in den späten 70ern als vierbändiges Werk unter dem Namen „Traumleben“ veröffentlicht. Danach kam eine gekürzte Fassung dieser Reihe als „Kabbala im Traumleben des Menschen“ im Diederichs-Verlag heraus. Auch dieses Werk ist mittlerweile ausverkauft, so dass es momentan „leider“ nur den Originalvortrag zum Hören gibt.

Einen Traum kann man nicht bauen, ein Traum baut sich. Er entzieht sich unserem Willen. Er kommt uns oder er kommt eben nicht. Der Traum hat sein eigenes Reich, und dieses Reich herrscht, wo die Möglichkeit einer Willensherrschaft ausgeschaltet ist. In der Nacht schläft das Wollen, und wenn es nicht schläft, schlafen auch wir nicht. Während des Tages kann man wegträumen, wenn das Wollen einschläft. Es schläft dann nicht ganz ein; es läßt sich auf den Wellen des Tagtraumes mittragen und freut sich, wieviel dann möglich ist. Unser bewußtes Wollen liefert sich einer strengen Kausalität aus. Es verlangt Opfer und läßt den Menschen unter dem stetigen Druck der unentrinnbaren Alternative leben. Es hat seine Aktivität in der Welt des Erscheinenden, im Materiellen.
Das Reich des Traumes gehört dem Unbewußten. Wir wollen immer gern das Unbewußte mit den Maßstäben des Bewußten messen. Um es, wie man dann sagt, zu verstehen. Kann man aber etwas, das sich nicht bauen läßt, mit dem Verstand, mit dem Denken verstehen? Man kann es erleben, sofern das Unbewußte noch nicht so weit verschüttet ist, daß es nicht mehr lebt. Man kann es nicht verstehen wollen; das wäre, als wolle man in jenem Bereich etwas bauen. Das Reich des Unbewußten ist sehr weit, Grenzen im Sinne des Meßbaren gibt es dort nicht. Dort lebt nicht nur die Erinnerung aus dem eigenen Leben, dort befindet sich das Erlebnis der Welt und der Welten in allen möglichen Zeiten und an allen möglichen Orten. Es ist der eigentliche Bereich des Menschlichen. Dort wirken Geist und Seele. Von dort her wird unser Leben gesteuert. Der Traum ist in diesem Reich zuhause. Man sagt im alten Wissen, dort sei die Realität, und alles, was wir im Bewußten, im Zeiträumlichen erleben, sei wie das Spiegelbild dieser Realität. Wir seien, sagt man dort, wie die Spiegelung eines Baumes im Wasser des Flusses. Sogar der Fluß, das Fließen der Zeit, ist realer als unsere Existenz hier. Man kann von hier aus dem Baum am Ufer des Flusses nichts anhaben.
Das Reich des Unbewußten gehört zum Menschen. Wie der Traum von dort her in die Erinnerung im Bewußten hineintritt, so kommt alles, was wir tun, unser ganzes Verhalten, von dort her. Das ganze Leben im Wachsein ist gelebter Traum. Ob wir uns an Träume erinnern oder nicht, im Leben des Alltags spiegelt sich unser Leben in Geist Und Seele, unser ganzes Leben im Unbewußten. Dort können wir wie die Kinder sein. Nur dort sind wir frei von dem Zwang des Kausalen, des Entweder-Oder. Wir sind dort wie die Fische nach dem Fischfang. Denn die Fische im Wasser bewegen sich eigentlich im Spiegel, und die Realität ist doch außerhalb des Spiegels.
Der Spiegel, wie das Wasser, ist kühl. Es fehlt dort die Dimension des Nicht-konstruierbaren. Es fehlt dort die Dimension der Wärme, der Liebe. Und diese Liebe, dieses Bedürfnis, empfangen und schenken zu können, dieses Sich-sehnen nach emotionalen Beziehungen, das ist das Gebiet, wo Unbewußtes im Bewußten sich manifestiert. Liebe gehört zum Träumen.
Die Sehnsucht nach Beziehungen kennt nicht die Grenzen des Kausalen. Sie durchbricht alle Grenzen, weil das Unbewußte, weil Geist und Seele grenzenlos sind. Liebe erlöst mit ihrer Wärme die Welt des Bewußten, des Meß- und Zählbaren. Sie bezieht sich auf alles. Das sonst kalte Rationale wird erwärmt, strahlt zurück, zeigt den verborgenen Funken des Göttlichen.
So entstehen Beziehungen zu allem in der Welt. Das sind die Bausteine, die herangetragen werden, den Tempel, die Wohnung Gottes zu bauen. Im Hebräischen liest man das Wort »mass«, übersetzt mit »Fron« oder »Tribut«, das in 1. Könige 5, 27-32 im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zum Tempelbau steht, auch als »ein Ziehen«. So hat z.B. das Ziehen durch die Wüste aus der Knechtschaft zur Freude der Freiheit, hebräisch »massa«, als Stamm das gleiche Wort »mass«. Aus dem Ziehen der Sehnsucht kommen die Bausteine. Die Bausteine für jedes Leben, für alles Erlebte und Begegnete. Man kann sie nicht behauen, man kann sie nur aus der Sehnsucht herbeibringen. Dann kommt das große Geheimnis: Diese Bausteine fügen sich selbst zusammen, und auf diese Weise, nur auf diese Weise entsteht die Wohnung Gottes. Kein Laut von Hammer, Meißel oder eines anderen Werkzeuges wurde gehört, als »das Haus sich baute« (1. Könige 6,7). Das alte Wissen erzählt von traumhaften Wundern, die mitwirkten, um das himmlische Haus im irdischen Leben zu errichten.
Bringt unser Leben diese Bausteine herbei? Wenn man sich sehnt, wenn man tagträumt, wenn man alles aus dem Leben der Welt, auch aus fernsten Zeiten und Ländern, herbeibringt – das wären diese Bausteine. Das wäre ein Ziehen, eine Sehnsucht nach dem Gelobten Land, nach dem Paradies, wovon wir wissen, daß nur das der Sinn des Lebens sein könnte, wenn es überhaupt einen Sinn gibt. Nur durch die lebendige Beziehung zu allem, durch die menschliche Wärme kommt das Material herbei. Nicht durch intellektuelle Kühle.
Wenn das Material da ist, baut sich schon das Haus. Das gilt für alles, wo sich Bewußtes mit Unbewußtem trifft. Man träumt, was die Bausteine aus dem Ziehen, aus den Beziehungen, herbeigebracht haben. Die Fron, das ist das Leben im Zeit-räumlichen, im Alltag. Wie Lastträger bringen wir das Material, das im Unbewußten unsere Träume baut, das aber dort auch alles andere für das Leben des Menschen zubereitet. Salomo, der »vom Frieden«, der »Vollkommene«, steht da, und durch ihn kommt die Wohnung Gottes, auch im Menschen, zustande. Es ist der Sohn Davids, der den Tribut aus dem Leben des Alltags empfängt und über das Wunder des Sich-selber-Bauens der Wohnung Gottes herrscht.
Wie der Traum sich baut, so baut sich auch das Leben. Man kann weder Traum noch Leben mit dem kühlen Verstand analysieren und dann verstehen. Ohne die Beziehung zu allem in der Welt, ohne die Sehnsucht, die alles zu einer überwältigenden Einheit erfahren möchte, kann man nicht verstehen. Das Reich dieser Welt kommt durch das Reich des Himmels. Das Bewußte hat nur einen Sinn, wenn es aus dem Unbewußten zustande kommt. Sonst hängt es in der Luft, dreht sich im Kreise, verliert sich in Sackgassen, stirbt in Langeweile.
Ich mag das Bewußte, bewundere den genialen Verstand, liebe die gescheite Einsicht. Aber nur, wenn sie aus der Wärme des Menschen, aus seiner Sehnsucht kommen, wenn sie wie geträumt, märchenhaft, herbeieilen. Nur dann hat das Bewußte Bestand, nur dann ist Wissenschaft zuverlässig, sinnvoll. Und es braucht Wissenschaft, es braucht Gescheites, Geniales. Welcher Baum aber gibt die Früchte? Ist es der Baum des Wissens von Gut und Böse, der Baum mit der verbotenen Frucht, oder ist es der Baum des Lebens? An den Früchten erkennt man den Baum.
Meine Bücher entstanden aus den Bausteinen, die mein Leben herbeigebracht hat. Meine Sehnsucht rief sie heran, die Fron im Zeiträumlichen trug sie herbei. Die Sehnsucht machte mir die Fron zur Freude. Ob ich die Zeitung lese oder wissenschaftliche Handbücher, ob ich Leuten im Kaffeehaus begegne oder ob ich lehre – es gehört alles zu den Beziehungen. Ich glaube nicht, daß etwas im Prinzip außerhalb bleibt. In gleichem Sinne studierte, las und erlebte ich während Jahrzehnten, seit meiner Jugend schon, Werke, worin das alte Wissen vom Judentum, unermeßliche Weisheit fassend, durch die Zeiten zu uns kam. Immer mehr wurden sie mir zum ergreifendsten Erlebnis; die Welt revolutionierte sich in beschleunigtem Maße. Zusammen mit Werken der Philosophie, der Mythologie, Ethnologie, Psychologie, der Mathematik und der Anthropologie erwirkten sie eine reiche Beziehungswelt. Man könnte sagen, durch diese im Leben herbeigetragenen Bausteine entstand meine Seite im Unbewußten, woraus dann alles sich in Worten und Begriffen im Bewußten äußern konnte. Meine Annäherung zum Leben ist deshalb eine völlig andere als die der meisten Wissenschaftler.
Dieses Buch hier habe ich – abgesehen von diesem Vorwort – nicht geschrieben. Ich habe es direkt erzählt. Und da ich ohne persönliche Beziehung zum Zuhörer kaum erzählen kann, entstand das Erzählen vom Traumleben in einer und aus einer Erzähler-Zuhörer-Gemeinschaft. Oft bezieht es sich auf Gespräche, die ich vorher mit dem oder jenem Schüler hatte. Es geht manchmal auf Geschehnisse oder Mitteilungen in jener Zeit ein. Schon deshalb hat es einen vollkommen anderen Charakter als welches Buch auch über Träume. Vielleicht aber steht es dadurch dem Traumleben viel näher, weil das Erzählen den Traumerfahrungen viel mehr gleicht. Traumerfahrungen, zum Leben gekommen durch die Vielfältigkeit der Bausteine, durch die intensive Freude am Leben und an der Welt. Weil die Erfahrungen durch diese Bausteine im Unbewußten sich bauen konnten, brachten sie den Bausteinen in der zeiträumlichen Welt ein neues Licht, ein Licht, das ohne den Weg über das Unbewußte, über Geist und Seele, niemals hätte strahlen können. So sind die Mitteilungen dieses Erzählens, weil Bausteine dieser Welt gebraucht wurden, auch wissenschaftlich relevant. Ich glaube aber, sie sind mehr, weil sie von der anderen Seite jetzt zurückgestrahlt werden.
Vielleicht wäre es ein Weg der Zukunft, in den Erlebnissen der wissenschaftlichen Untersuchungen, des Studiums, des Denkens und Experimentieren, mehr zu träumen. Dieses Träumen aber nicht wahllos über sich kommen zu lassen, sondern zu bedenken, daß der Ausgangspunkt des wahren Träumens die Sehnsucht nach Beziehungen zu allen und allem in der Welt ist. Und daß diese Beziehungen eine tiefe menschliche Wärme brauchen, daß also Liebe zum Leben und zur Welt grundlegend ist. Auf Liebe ist die Welt gebaut, heißt es. Das will sagen, daß auch Wissenschaft und Liebe gebaut ist, will sie wahre Wissenschaft sein, und daß dasselbe auch für das Träumen gilt.
Ob das Erzählen auf meine Art sich dafür eignet, in Buchform zu erscheinen, wird sich zeigen. Vielleicht breitet sich der Geist der Gemeinschaft von Zuhörern und Erzähler aus auf eine Gemeinschaft von Lesern und zu Papier gebrachtem Erzähler. Es ist zu hoffen, daß die Qualität der Stimmung in einem vertrauten, intimen Raum sich auf Tausende von Lesern ausdehnen kann. Vielleicht erlaubt die Phantasie dem Leser, sich im Geiste als Teilnehmer miteinzuleben. Das wäre dann ein Traumleben im Traumleben.

Friedrich Weinreb
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