Weinreb Tonarchiv

Das Markus-Evangelium

Archiv-Nr. 84Z300 / Laufzeit: 52h 45min

Das Neue Testament ist ohne Einbezug seiner jüdischen Wurzeln nicht vollumfänglich zu verstehen. Es ist hier nun das erste Mal, dass die jüdische Überlieferung als massgebende Grundlage für die Deutung benützt wird und zwar in einer für Nicht-Juden gut verständlichen Art. Weinreb geht zudem sehr genau, geradezu minutiös vor, d.h. bei allen Evangelien bleibt er ganz nah am Text. Dadurch werden dann nicht nur die sehr feinen Verästelungen des jüdischen Wurzelwerkes – tief verankert in den unzähligen Kommentaren – im Neuen Testament erlebbar; die neue Dimension des Wesens des Christentums kann zudem zum ersten Mal anders – vielleicht weniger ausschliesslich und missionarisch, und dafür wirklich von einer unmittelbaren Liebe her – verstanden werden.

Es wird dabei nachvollziehbar, dass diese scheinbar so verschiedenen Wege des Judentums und Christentums in ihrem Wesen ganz nah sind. Allen, die Unterschiede betonenden Konstrukten zum Trotz. Diese Vorträge zeichnen sich zudem dadurch aus, dass sie den Rahmen des üblichen jüdisch-christlich Religiösen sprengen und dass hier ein Drittes, Neues, sehr Universelles und zugleich herzlich Menschliches spürbar wird, das sich auch auf neue Art mit der Welt verbinden möchte.
Dieser Vortrag wurde schriftlich als Buch in einem Doppelband veröffentlicht (ISBN: 978-390578326).

Seit ich vor 13 oder 14 Jahren angefangen habe, über die Evangelien zu sprechen, bin ich natürlich im Leben selbst auch weitergekommen. Es ist also von mir keine starre, keine feste Erklärung zu erwarten. Ich glaube auch nicht, dass es die Erklärung gibt. Mit jedem Tag macht man neue Erfahrungen, erlebt Enttäuschendes, Beglückendes, und so ist im Lauf der Jahre auch bei mir so einiges geschehen. Nach dem Beginn mit Matthäus habe ich doch dann das Johannes-Evangelium besprochen, dann die Paulusbriefe, zuletzt das Lukas-Evangelium. Das hat einige Jahre gedauert. Nun also möchte ich mit dem Markus-Evangelium beginnen, dem kürzesten der vier Evangelien.
Daß es gerade vier Evangelien gibt, hängt mit der Vierheit überhaupt zusammen, den, wie man sagt, vier Ecken der Welt. Nun wissen wir natürlich, dass die Welt gar keine vier Ecken hat, sondern rund ist. Und doch kennt man in der Bibel die vier Ecken der Welt, kennt auch die vier Reiche, die vier Exile. Mit dieser Vierheit ist, so spüren wir, keine bloß zahlenmäßige Aufeinanderfolge gemeint, sondern jedes der vier eröffnet eine andere Sicht, nimmt einen anderen Standpunkt ein. Beim Kreuz zum Beispiel wäre dies einmal die Sicht von oben her, dann von unten, von den Füßen aus, die dritte Sicht von rechts und die vierte von links.
Allgemein nimmt man an, dass eben jeder der vier Evangelisten seine Version erzählt. Manche ärgert es vielleicht, dass diese Versionen voneinander abweichen; andererseits aber findet man das auch ganz interessant, denn da kann man die Abweichungen genau untersuchen und Vergleiche anstellen. Nun, man kann alles wie eine Ware angehen, die man behandeln kann. Man kann aber auch alles im Sinne einer Freude angehen, einer Begegnung, einer Erwartung, einer Überraschungsmöglichkeit.

Friedrich Weinreb in seiner Einleitung


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