Archiv-Nr. 76Z104 / Laufzeit: 4h 28min
Aus dem Inhalt
Die Auseinandersetzung mit dem Buch Hiob führt mitten in das Ur-Drama der menschlichen Existenz. Es handelt sich dabei nicht um einen historischen Bericht, sondern um ein zeitloses, mythologisches Menschenbild. Der Name Hiob (Iov) ist im Hebräischen zusammenhängend mit dem Wort für Feind (Ojev). Dies offenbart eine fundamentale Wahrheit: Der Mensch trägt den Feind, den inneren Wiederpart, stets in sich selbst. In dieser inneren Auseinandersetzung spiegelt sich der ständige Kampf zwischen messbarem Gesetz und dem Raum des Glaubens wider.
Der Auftritt Satans – des personifizierten Hindernisses – erschüttert die Illusion einer statischen, bürgerlichen Unfehlbarkeit. Das hereinbrechende Leid bricht die isolierte Existenz auf und ruft die drei Freunde herbei, welche die jenseitigen Welten und Bewusstseinsebenen symbolisieren. Erst als alle logischen, theologischen und philosophischen Erklärungsversuche versagen und das intellektuelle Gebäude zertrümmert wird, wird der Weg frei für die direkte Gottesbegegnung im Sturm. Hiob erkennt, dass der Weg des Lebens das Durchschreiten von Wandel und Polarität erfordert. Das Leid entpuppt sich dabei als tiefes Mysterium des Werdens, an dessen Ende das Bewusstsein nicht nur die Wiederherstellung, sondern die doppelte Fülle der göttlichen Wirklichkeit erfährt.
„Jetzt sieht mein Auge erst, jetzt hört mein Ohr. Es ist nie gewusst worden, dass es das gibt.“
CD 01
Das Buch Hiob zeichnet ein zeitloses Mythologem des menschlichen Wesens. Die hebräische Namensverwandtschaft von Hiob (Iov) und Feind (Ojev) verdeutlicht, dass der Mensch die tiefste Spannung und Unruhe in sich selbst trägt. Der Streit zwischen berechenbarem Äußeren und vertrauendem Glauben prägt die Existenz. Durch das Auftreten Satans – der hebräischen Bezeichnung für das Hindernis – wird die ruhige, scheinbar gerechte Ordnung Hiobs erschüttert, um den Menschen aus einer unbewussten Statik herauszufordern.
CD 02
Das Hereinbrechen des Leids ruft die drei Freunde auf den Plan, die für die drei jenseitigen Welten und Bewusstseinsdimensionen des Menschen stehen. Solange das Leben reibungslos verläuft, bleiben diese Dimensionen meist im Verborgenen. Erst die Erschütterung lässt ihre Namen aufleuchten. Die folgenden Streitgespräche erschöpfen alle philosophischen und religiösen Erklärungsversuche, ohne Trost zu spenden. Erst der junge Elihu bereitet den Wandel vor, indem er auf das unbegreifliche Wirken der Schöpfung verweist.
CD 03
Im kosmischen Sturm begegnet Gott dem zerrissenen Hiob nicht mit logischen Beweisen, sondern mit der Überfülle des Seins. Der Mensch erkennt, dass das Leben ein ständiger Prozess des Einswerdens ist, der das Durchschreiten von Werden und Vergehen verlangt. Die Natur und das Geschick gehorchen tieferen Gesetzmäßigkeiten als der menschlichen Verstandeslogik. Hiobs Aufstand wandelt sich in eine tiefe Schau, in der Leid und Verlassenheit als notwendige Phasen der inneren Reifung verstanden werden.
CD 04
Das Bild des Hohenpriesters, der am Versöhnungstag das Allerheiligste betritt und zuvor das Buch Hiob liest, veranschaulicht die Konfrontation des gerechten Menschen mit dem unberechenbaren Mysterium. Der Einzelne muss die isolierte Selbsterhöhung aufgeben und die universelle Verstrickung der Schöpfung annehmen. Hiob erhält am Ende alles doppelt zurück. Dies symbolisiert, dass die erfahrene Gottesbegegnung die Trennung aufhebt und den Menschen in die vollständige, doppelte Wirklichkeit des Lebens führt.
CD 05
Hiobs angstvolle Sorge, seine Söhne könnten gesündigt haben, beleuchtet das tief sitzende menschliche Schuldgefühl. Die hebräische Sprache kennt verschiedene Ebenen der Verfehlung, wobei Chet (Sünde) die unvermeidliche Fehlbarkeit auf dem dynamischen Lebensweg beschreibt. Wie das Getreide (Chitta) dem Wandel unterliegt, so gehören der Zweifel und das Verfehlen zum Wachstumsprozess des Menschen. Die Existenz auf Erden ist ohne diese Unvollkommenheit und die daraus erwachsende Suche nach Erneuerung nicht denkbar.
CD 06
Neben Chet offenbaren die Begriffe Avon (Anmaßung der eigenen Schöpferkraft) und Pescha (Entfremdung von den Urformen) die vielschichtige Dimension menschlicher Unzulänglichkeit. Die drei Freunde Hiobs verkörpern diese verschiedenen Bewusstseinsebenen und deren Versuch, Schuld verstandesmäßig zu bewältigen. Letztlich erweist sich das Ringen um Schuld und Vergebung als der eigentliche Antrieb des Lebensweges. In der Einsicht der eigenen Begrenztheit erfährt der Mensch das befreiende Mysterium der göttlichen Barmherzigkeit.