November
30.11.11
Ein Ton allein, so schön er auch klingt, ergäbe doch keine Musik, erst mehrere zusammen, die sich voneinander abgrenzen, bringen ein Thema, eine Melodie, ermöglichen Variationen. Schönheit empfinden wir gerade im Übereinstimmen von Mehrerem, das zusammen ein Ganzes bildet. So enthält zum Beispiel der menschliche Körper selber die Maßstäbe des Harmonischen, daß die Nase etwa nicht zu kurz oder zu lang ist und überhaupt alle Teile in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Das Unbegrenzte, das nach allen Seiten hin frei läßt, hat als Gegenseite ein Verlangen nach Begrenzung; das Grenzenlose möchte alles schenken, ein Sinn im Schenken aber zeigt sich nur im Begrenzten.
aus: Kabbala als Lebensgefühl
26.11.11
Es wird auch gesagt, daß der Mensch nicht in diese Welt kommt, um zu sagen: »Ich stecke nun einmal da drin, aber diese Welt ist einer der Irrtümer Gottes. Er hat sie geschaffen, aber recht erbärmlich. Hier ist alles gefährlich und nervenaufreibend. Ich werde dafür sorgen, daß ich mich ganz zurückziehe, als ein guter Einsiedler, und nirgends Schwierigkeiten bekomme. Dann komme ich recht gut durch.«
So etwas ist eine enorme Gotteslästerung, eine von der schlimmsten. So darfst du dich auf keinen Fall verhalten. Denn wenn Gott die Welt so gemacht und dich hineingesetzt hat, dann hat das seinen guten Sinn. Es ist die Schöpfung!
aus: Das Buch von Zeit und Ewigkeit
24.11.11
Es wäre unverzeihlich und erst noch ein dummer Selbstbetrug, wollte einer behaupten, daß ihn der Sinn seines Lebens nicht beschäftige, und daß eigentlich niemand dieser Fragestellung ein Gewicht beimesse. Im allgemeinen ist der Mensch doch erschüttert, wenn in seiner Umgebung schwere Krankheiten auftreten, oder großes Unrecht oder der Tod. Dann bemerkt man, daß er es sich sehr zu Herzen nimmt, sei er nun Atheist, Freidenker oder ein braver Kirchengänger. Allerdings nimmt jeder eine andere Haltung ein bei seiner Fragestellung. Der eine findet, daß ein anders strukturiertes Sozialleben uns der Antwort näher bringe. Der zweite erwartet vom zunehmenden individuellen Wohlstand eine Lösung seiner Frage. Der dritte ist überzeugt, daß man an frommen Traditionen festhalten müsse, wolle man die Antwort finden. Man kleidet es nicht ganz in diese Worte, aber viel Menschenkenntnis gehört nicht dazu, um hinter der Verlegenheitscamouflage die alles überschattende Frage zu erkennen. Was den Menschen vor allem verwirrt und quält, ist das Ausbleiben der Antwort während eines längeren Zeitraumes. Und ich glaube, der gegenwärtige Zustand der Menschheit ist am schärfsten von der Verzweiflung geprägt, daß überhaupt keine Antwort zu finden ist, ja, daß es menschlicherseits nicht einmal möglich ist, sich dem Bereiche der Antwort zu nähern. Man könnte vielleicht, aus der Kenntnis der menschlichen Psyche, die Abkehr von alledem, was auf den Sinn der Welt hinweist, als eine Regung der Scham erklären. Der Mensch will sich selbst nicht in Verlegenheit bringen und den Quellen die Antwort ersparen. Vielleicht läßt sich die Gereiztheit, die Angriffigkeit gegen die Kirchen letztlich so verstehen. Man hatte so gehofft, jetzt ist man enttäuscht. Darum achtet man auch mit doppelt kritischem Blick auf das äußere Verhalten derer, die in dieser Ecke zuhause sind. Ein enttäuschter Liebhaber ist voller Aggression und Vernunftgründen unzugänglich.
aus: Hat der Mensch noch eine Zukunft
23.11.11
Studieren als Mittel zum Zweck ist das Zahlen der Zölle an den Zöllner; es ist das Tun um Lohn, oder um Strafe zu vermeiden. Gnade kann man nur fassen, wenn man sich nach Liebe, empfangend oder schenkend, sehnt. Man weiss dann von den endlosen Ueberraschungen auf diesem Weg der Liebe. Liebe ist ein Sich-Hingeben, Sich-Weggeben; sie ist ein Hinnehmen des Schicksals als vom Tisch Gottes geschickt. Tisch im Hebräischen, Schulchan, ist dem Wort schalach = schicken verwandt. Dieses Hinnehmen des Lebens als liebende Gabe Gottes ist die empfangende Liebe; bedingungslos und dennoch immer betend. Dein Wille geschehe, aber höre mir doch zu, höre zu, was ich mir denke, was ich mir vorstelle, was ich träume. Wer von dieser Liebe, dem grossen Geschenk von Gottes Schöpfung für den Menschen, träumt, könnte in sich das Wunder der Gnade empfinden. Nach Gesetz geht es nicht, der Gnade Spendende durchbricht doch eben das Gesetz.
aus: SAG 27
21.11.11
Wenn Sie das, was ich erzähle, auf seine Richtigkeit hin prüfen wollen, dann suchen Sie bitte die Beweise nur in sich selbst. Alles, was ich von den alten Bildern in heutige Begriffe übersetzend erzähle, sind Mitteilungen aus Ihrem eigenen Unbewußten, Geschehnisse in Ihrer Phantasie, in Ihrem Vorstellungsvermögen, in Ihrer Triebsphäre; sie kommen aus der Welt Ihres Fühlens und Empfindens, in welcher Liebe, Haß oder Aggression - Begriffe, die schwer zu messen und zu bewerten sind - die Hauptrolle spielen.
aus: Traumleben IV
20.11.11
Aber warum eilen so viele Menschen hier? Sie denken, ich muß vor meinem Tod noch alles erledigen. Sogar alte Menschen werden oft geizig, weil sie denken, ich muß das behalten, ich werde schon 98 Jahre. Wofür? Sie können es nicht weggeben; sie spüren eine Angst. Sie verstehen schon logisch, daß sie leider nur noch fünf, sechs Jahre zu leben haben. Aber das Vermögen, das Geld? - Nein, sie behalten es, sind nicht imstande wegzugeben. Weil man sich eilt, weil man denkt: ich muß noch alles hier erledigen.
Man weiß ganz gut, was man hier noch erledigen will. Aber wieviel kann man erledigen? Wie wird der andere mein Tun aufnehmen, hinnehmen? Vielleicht gar nicht. Diese Eile, die Ungeduld des Herzens! Weil wir nicht an Ewigkeit glauben. Wir reden oft davon. Aber wenn wir hier vom Meditativen sprechen, so möchte ich sagen: hat man sich einmal vorgestellt, was Ewigkeit wirklich sein könnte?
aus: Der hl. Geist
19.11.11
Das Grab als Ort der Stille in der Mitte des Lebens, als Ort des Schweigens in der Beziehung zur Welt. Erlebe nicht auch ich dieses Wunder der Reifung neuer Zeiten? Es ist hier kein Nacheinander, wie der Fluß der Zeit es suggerieren mag. Es ist ein immerwährendes Geschehen im Strome der Zeit. Die Stille des Nichtbewußten, die Stille, das Schweigen des Heiligen. So reift das Samenkorn.
aus: Friedrich Weinreb erzählt den Kreuzweg
18.11.11
Zum Todestag Christian Schneiders:
Der Titel dieser Schrift verengt sich nicht zu einem Thema, das es in seinen Grenzen zu behandeln gilt, sondern eröffnet die Weite und Tiefe von Friedrich Weinrebs Lebenswerk, das in der Freude des Erzählens besteht. Oft hat er darauf hingewiesen, daß >Messias< und >Freude< im Hebräischen mit denselben Buchstaben geschrieben werden; und daß dem Namen >Jude< das Glücklichsein eingeschrieben ist, denn Loben und Preisen, wie es für Jehuda bei der Namensgebung bestimmt wird, ist der Ausdruck des glücklichen Menschen. Merkwürdig, daß der Name Messias für viele Menschen heute eher seinen Widersacher aufruft: >falscher Messias<, Antichrist. Sucht er sich auf diese Weise zu verbergen? Als wäre es zu schön, um wahr zu sein, daß er lebt? Und eben gerade nicht in der Vergangenheit in beruhigender Distanz, auch nicht in der Zukunft in verklärter Ferne, sondern leibhaftig in der Gegenwart, jetzt, so nah, daß uns fast jedes Mittel recht ist, ihm auszuweichen. Vor lauter starrer Theologie sehen wir kaum noch, daß die Erlösung als wahre Freude in die Welt kommt. Immer dort, wo Freude bereitet, die Freudennachricht gebracht und gern empfangen wird, ist der Messias ganz nah. In der Welt des Chassidismus, Weinrebs eigentlicher Heimat, steht diese Freude im Mittelpunkt. Indem sie den Lebensalltag in allen Verrichtungen bestimmt, kann der Mensch sein Leben und seine Welt Gott näher bringen - und nur mit Freude, wie die Überlieferung ausdrücklich betont. In Weinrebs Leben war sie die Flamme, die jetzt noch wärmt und erleuchtet.
In jener Nacht im Jahr 1940, als die Nazitruppen in den Niederlanden einfielen und der Kreuzweg der Juden dort begann, schrieb Weinreb, wie er in seinen Erinnerungen erzählt, eine Abhandlung über den 118. Psalm. In den Versen, die er als seine Lebensmelodie erkennt, ist sein Wirken vorgeprägt: >Ich werde nicht sterben, ich werde leben und die Taten des Herrn verkünden.‹ Sein Leben lang hat Friedrich Weinreb vom Messias erzählt, den er einmal als >überfließende Freude< umschrieb. Und vielen seiner Zuhörer blieb sein oft wiederholtes >Wir sind gestorben und auferstanden< - >hier im Leben<, wie er immer hinzufügte - unvergeßlich. Seiner Liebe zur Bibel als Baum des Lebens war alles Ausschließen unmöglich. Auch im Fremdesten erlebte er den Funken, der es mit der Einheit der Quelle verband. Einen solchen Menschen in unserer Zeit als Weggenossen zu haben, könnte nicht nur für Juden und Christen, sondern auch für die ganze Menschheit eine Wende bedeuten.
aus: Vorwort Christian Schneiders zum Buch "Gern möchte ich vom Messias erzählen" (2001)
16.11.11
Man hat einen Beruf, weil man nun einmal arbeiten muss, aber man hat keine Verbindung mit dem Sinn des Lebens. Man hat sogar lieber eine Arbeit, die in der Gesellschaft einen gewissen Status verleiht, auch wenn die Methoden in diesem Beruf vielleicht höchst niederträchtig und raffiniert sind. Man spricht über einen ausgekochten Anwalt, über einen Arzt, bei dem man bestimmt drei Monate warten muss, bis man drankommt, so wichtig ist er. (Inzwischen kannst du schon dreimal tot sein!) So etwas ist Status, der etwas aussagt. Als Mensch findet man in diesem Beruf bestimmt keine Befriedigung, weil die Befriedigung sich nur auf diese Seite der Welt und des Lebens bezieht. Die andere Seite wird nicht berührt, im Gegenteil, sie wird negativ beeinflusst. Die andere Seite wird immer unzufriedener. Deshalb sehen wir auch, dass die Menschen in den Berufen, die so schrecklich wichtig sind, nicht nur Magenbeschwerden und Neurosen bekommen, sondern auch total unglücklich sind.
Sie suchen Lust und Wollust auf allen möglichen Gebieten, fordern auch das Recht darauf, weil sie in einer Art kindischer Einstellung zu Gott meinen: Ich weiß ja doch nicht, warum ich hier lebe, also möchte ich wenigstens meinen Spaß haben. Und man ist böse, wenn das nicht glückt, wird sehr aggressiv, wenn einem dieser Wunsch nicht erfüllt wird.
aus: Der Weg durch den Tempel
11.11.2011
Zwei Tafeln, zwei Bäume, zwei Cherubim. Eine Wurzel, nicht trennen, so daß jedes für sich steht. Es sind zwei und doch eines. Man kann das Böse nicht vertilgen. Zwei sind da: gut und böse. Studiere das nicht, doch lebe es. So mag der Zen in Japan nicht, daß man das Koan gescheit löst. Das Koan ist doch auch die Zwei-heit, welche sich uns als Herausforderung gegenüberstellt. Zum Beispiel: "Wie kann man mit einer Hand klatschen".
aus: Legende von den beiden Bäumen
08.11.2011
Seinen Eintritt in die Welt erlebt der Mensch im Bilde eines Abstiegs, einer Austreibung, eines Herrlichkeitsverlusts. Eigentlich ist es ein Opfer, das der Mensch bringt, das Opfer seiner Vollständigkeit. Er ist gleichsam von seinem künftigen Abirren, seiner Verfehlung eingeholt. Die Sünde ist von allem Anfang an in ihn eingedrungen: „chet“, 8-9-1, und dieses 18 entspricht der 18 seines Seins: "chai", 8-10, Leben hier, Leben in der Bewusstwerdung. Als der in seiner Haut Identifizierte findet sich der Mensch von allen Seiten eingeengt wie in einer unentrinnbaren Gefangenschaft. Wenn der Mensch in die Welt kommt, findet er sich in einer merkwürdigen Geteiltheit. Es ist quasi ein Urteil über ihn ergangen. Wahrhaft niederschmetternd tönt dieses Urteil in seinem Wortlaut. Wo der Mensch mit dem Schicksal zu hadern beginnt, wo der Groll sich bei ihm festsetzt, ist es kein Wunder, dass die Entfremdung bis zum Aeussersten geht, bis zu den absurdesten Theorien. Die Religion selbst, die mehr als 1 1/2 Jahrtausende lang den Zerknirschten versichert hat, dass sie der gerechte Zorn Gottes treffe, hat am meisten dazu beigetragen, dass man sich von Gott lossagte.
aus: SAG 09
07.11.2011
Das Leben hat erst seinen herrlichen Sinn, wenn ich alle Menschen im Prinzip tief, nicht objektiv, sondern aus tiefstem Herzen lieben kann. Dem Feind möchte ich dabei das Glück wünschen, das ich jede Stunde erlebe, das mir die Gewißheit der Ewigkeit schenkt. Denn den Feind lieben heißt doch nicht, ihm eine Anzahl Streicheleinheiten zu verabreichen, bis er schnurrt oder mit dem Schweif wedelt, sondern ihm auf seine Art, wie Gott ihn gemacht hat, das größte Glück zu gönnen: Gott zu erfahren, Ewigkeit zu erleben. Er soll sich bei Gott zu Hause fühlen, er, seine Ahnen, seine Freunde, seine Kinder, alle, die er bei sich hat und zu denen er gehört. Die große Verschiedenheit erst erfüllt die ganze Herde, deren Hirte eben nur Gott sein kann, Gott, der Unfaßbare, Unaussprechbare.
aus: Frömmigkeit heute
05.11.2011
»Diese Erwartung, dieses Hoffen, - Wissen und doch Nichtwissen des Kommenden - ist vielleicht eine der wichtigsten Säulen des Lebens überhaupt. Wir denken, wir wissen: »Weihnachten wird er geboren«; das ist schon feststehend. Und man fragt sich eigentlich nicht, was es bedeutet, dass er noch nicht da ist.«
aus: Advent als das Kommen einer neuen Welt
03.11.2011
So wird alles geführt, wie es die Esther-Erzählung sagt, daß die Welt bei jedem Geschehnis, so geringfügig es auch sein mag, eine Führung habe. Wenn aber der Mensch den Becher in der Hand hält und die Heiligung ausgesprochen hat, dann reicht er selbst, sein Ausdruck, sein Wort, bis zum Ursprung. Denn Heiligung bedeutet ja die Zurückführung in den Urbeginn, ins Vaterhaus.
aus: SAG 18
01.11.2011
Wenn die Schrift eine Schöpfung Gottes ist und ein Geschenk an den Menschen - sie kommt doch mit den anderen dort genannten Schöpfungen am Ende des sechsten Tages - dann muss sie, im Sinne der mit der Liebe mitgekommenen Freiheit, auch dem Bösen zur Verfügung stehen können. Diese Freiheit des Bösen zeigt sich doch schon auch in der Tatsache, dass die ersten Tafeln des Sinai, mit der Schrift Gottes beschrieben, in Trümmer gehen mussten. Es bedeutet, die Schrift könne sowohl zum Guten als auch zum Bösen benutzt werden. Die Trümmer, die Splitter, sind Ausdruck von der Wirkung des Bösen. Es wird doch erzählt, wie diese ersten Tafeln dem Mose wie aus der Hand gerissen wurden und dann erst zerschellten.
Mit der Technik des Buchdruckens kam die Möglichkeit der Zersplitterung einer Botschaft in tausend und mehr Teilchen. Die mündliche Botschaft einem oder einigen dem Sprecher gegenübersitzenden Hörern, wo man noch die gleiche Luft im Raum atmet, wo man miteinander im Gespräch ist, verliert schon ihre Kraft, wenn sie zur schriftlichen wird, zum Brief. Man richtet einen Brief an einen Menschen, man kann den gleichen in Abschrift auch einigen senden. Ein Buch aber geht in die Welt. Keiner weiss, wem es in die Hände gerät, keiner weiss, ob es für ihn bestimmt ist. Scherben, Splitter, der Böse schafft das Unpersönliche, die Anonymität. Wie Kinder, die ausgesetzt werden. Werden sie verkommen, findet jemand sie? Und wer findet einen?
aus: SAG 18












