Januar

20.01.2012
wie wenig sagen unsere Sinne über die Wirklichkeit aus. Die Augen sehen nur ein Spektrum, die Ohren hören nur wenige Oktaven. Unendlichkeiten, weder sichtbar noch hörbar, dehnen sich nach allen Seiten aus. Wir müssen das schon glauben, uns bleibt kaum anderes übrig. Dennoch glauben wir an diese kleine Welt unserer Realitäten. Denn wir wollen eigentlich nicht die weite Ferne, wir wollen das Unmögliche hier und jetzt. Die Unendlichkeiten lassen uns an Erlösung glauben, sie erzählen uns, dass es hier auch ewiges Leben geben kann. Hier und jetzt.
aus: Kalendertexte


14.01.2012
Ich glaube auch nicht an eine Einweihung, die durch Studium oder Bemühung um Mysterien zur geistigen Erfahrung führen soll. Für mich gibt es nur die Einweihung: Den Menschen, die dir begegnen, dein Vertrauen schenken, deine Liebe. Das ist das einzige, was du tun kannst. Damit wird der andere eingeweiht. Er tritt in dein Leben, das ewige, ein und ist mit dir dort.
aus: Geistige Erfahrung und Lebenspraxis


09.01.2012
Deshalb spreche ich immer spontan, frei, denn wenn es nicht in mir ist, wie darf ich dann sprechen? Es wäre andernfalls eine schreckliche Einbildung, dann doch zu sprechen. Ich könnte es ja allenfalls aufschreiben, hätte dann wohl Angst, ich käme beim Sprechen nicht weiter. Es muß aber so sein, daß man aus seinem Wesen spricht. Doch nur einen Bruchteil, ein Hundertstel des Wissens, sollte man aussprechen. Denn auch das Unausgeprochene muß sein, damit es einmal ausgesprochen werden könnte. Ich spreche also frei und weiß zuvor nicht, was ich schließlich erzähle. Ich kenne den Gegenstand, weiß aber nicht, was ich im Moment im einzelnen sagen werde, weil es ganz von dem Kreis abhängt, der mir zuhört. Wenn man zuhören und empfangen will, geht alles gut. Wird aber gestört, ist aber ein »Störsender« zugegen, so merke ich es auch. Ich weiß zwar nicht von wem, und es interessiert mich auch nicht, aber es stört, und ich wechsle das Thema.
aus: Die jüdischen Wurzeln des Matthäus-Evangeliums


06.01.2012
Im Judentum heißt es, daß die Bibel durch den „Ruach hakodesch" Moses und den Propheten gegeben wird. Ruach hakodesch bedeutet übersetzt „der heilige Geist". Und das ist doch auch dem Christentum ein geläufiger Begriff. Ein Wort lateinischer Herkunft für Geist, Spiritus, hat uns den Begriff „inspiriert" auch schon gewohnt gemacht. Inspiriert will sagen, es kommt einem ohne daß es direkt aus seiner Denkwelt stammt. Mit dem Denken kann man etwas, auch einen Gedanken, aufbauen, formen, umformen. Denken ist im Hebräischen identisch mit dem Wort für rechnen. Rechnen ist etwas aus der Wirklichkeit des Zeit-Räumlichen, es hat als Vorbedingung die naturgesetzliche Ordnung von Zeit und Raum. Das Gleiche gilt für das Denken. Inspiration aber hat eine weitere Dimension; Inspiration benutzt auch schon Ordnung, - wie z.B. daß es einen Berg Sinai gibt und einen Mann Moses, und daß man Tage zählen kann -, aber Inspiration kennt noch etwas ganz anderes. Sie kennt den Einfall, den Zufall, sie kennt die Phantasie, das Unmögliche, sie stellt manchmal die Zeit auf den Kopf. Wenn die Bibel vom heiligen Geist stammt, ist natürlich all dies Unmögliche zu erwarten; unmöglich natürlich im naturwissenschaftlichen Sinne. Ganz normal aber vielleicht im Sinne der Regionen des heiligen Geistes.
aus: Wie sie den Anfang träumten


03.01.2012
Es heißt nun, gerade dieses Nicht-verstehen ist eigentlich ein Geschenk. Von unserer Seite aus empfinden wir es als negativ, während es von dort aus als großes Geschenk gesehen wird: Die Klarheit wird dir genommen, damit du dich sehnst, damit du glauben kannst. Wir meinen oft, geniale Wissenschaftler könnten mit genialen Philosophen zusammen die Welt durch klares Verstehen retten. Dabei widersprechen sie sich, weil sie tatsächlich im Mißverständnis leben. Und man spürt sehr genau, daß auf diese Art die Antwort, die Lösung niemals kommen kann. Voller Begeisterung beginnt man das Studium, weil man glaubt, dadurch zu erfahren, wie es wirklich ist. Bald aber kommt die große Enttäuschung. Konkurrenzkampf unter den Kollegen, im Beruf - ständige Gefangenschaft im Mißverständnis. Schade!, sagen wir, wir möchten doch so gern den anderen verstehen; und in diesem >Schade!< drückt sich schon die Sehnsucht aus: Ich möchte jemand haben, dem ich vertrauen, dem ich glauben kann. Das ist ein Weg, denn wir werden gezogen auf dem Weg. Ziehe mich hinter dir her, heißt es im Hohenlied, dann werde ich schon laufen (1, 4). - Das Merkwürdige ist also, daß diese Verbergungen für den Menschen Rettungen sind.
Der Mensch wird doch auch erst ins Exil geführt, dann kommt die Erlösung. Exil bedeutet Verbergung: die Heimat ist verloren, ist unsichtbar. Umso gewaltiger zeigt sich die Erlösung. Die Sehnsucht danach soll vom Tiefsten ausgehen, Israel wird in die Tiefe Ägyptens hinabgeführt, um später ins Gelobte Land aufzusteigen.
aus: Wort, Sprache, Sprechen