Dezember
30.12.2011
Im alten Wissen wird die Bedeutung des Menschen immer derart hoch veranschlagt, daß es ihm eigentlich kalt über den Rücken laufen müßte, wenn er sich vergegenwärtigen könnte, wie wichtig er in Wirklichkeit ist. Darum ist das Wort so äußerst interessant und so spannend, weil man durch und mit diesem Wort das alles weiß.
aus: Vor Babel
28.12.2011
Darum ist für mich Knechtschaft durch Wissenschaft und Technik, die den ganzen Menschen nicht kennen, gleichbedeutend mit Magie. Man hüte sich davor. Und wenn man sich damit beschäftigt, tue man es ausschließlich im Hinblick auf das Erkennen der Einheit. Mit Liebe für die Einheit. Man studiere als Dienst für Gott und nicht für die eigene Annehmlichkeit. Das Leben ist zu wichtig, als daß man daraus ein Spiel machen sollte. Es fällt auf jeden persönlich zurück. Ich kann nichts dran ändern - es ist so.
aus: Warum wir uns verhalten wie wir uns verhalten
23.12.2011
Sie kennen doch das christliche Bild der Befruchtung vom Himmel her: Maria, die Frau hier, .und der unsichtbare Mann. Das führt zur Frucht, zum befreienden Neuen. Rechnet man aber nur mit der Zeit hier und will man das Geschehen mit Maria auch biologisch erklären, dann ist es wie ein Zerbrechen dieses Geschehens, ein Entweihen. Man könnte aber erkennen: Hier kommen die Maßstäbe des Jenseitigen ins Diesseitige. Dann ist man nicht mehr so verlassen im Diesseitigen, wo man fortwährend nur rechnen und planen muß.
aus: Die Astrologie in der jüdischen Mystik
16.12.2011
Ich nehme die Welt schon ernst, sogar sehr ernst. Ehrlich ist das aber nur, wenn ich diese Welt im Spiegel als ewiges Sein erfahre. Das heißt, ich kann mich um Geschehen hier von den zeitlichen Maßstäben nicht aufregen lassen. Auch wenn es hier lange dauert - was ist es in Ewigkeit? Ernst nehme ich alles mit den Maßstäben des Ewigen, im Sinn des Ewigen. So bin ich weltlich bescheiden. Wie könnte ich die Dinge hier wie Sauerteig sich aufblähen lassen? Ich hüte mich vor diesem Sauerteig. Bescheidenheit meint auch, das Geschehen der Welt nicht so absolut zu nehmen.
aus: Was ist beten?
13.12.2011
Schrecklich wäre es, wenn du sagtest: In eine Illustrierte zu schauen, ist Sünde! Schnell ein frommes Buch nehmen! Dir Angst machen, daß du fromm wirst, ist dumm, ist unehrlich. Du benutzt deine Enge, um mich zu beeinflussen. Mit Gott aber kannst du nur in Freude, in ganz persönlicher Freude in Beziehung treten. Und wer bist du? Ein Ich. Ob Mann oder Frau. Vor Gott ist jede Seele kostbar. Denn sie ist der Atem, mit dem Gott sich in dich hineinbegibt: in der Zeit bei jedem Atemzug, im Ewigen immer.
aus: Frömmigkeit heute
12.12.2011
Man denkt immer, dass Sprechen eine bewusste, gezielte Tat ist, man handelt beim Sprechen mit der Stimme wie die Gewalt des Sturmes, des Geistes, der Durchbruch will. Man konstruiert das Sprechen, man baut die Rede auf. Das aber ist es nicht. Diese Welt, wo die Liebe in Gott auf dem Thron sitzt, findet hier kaum Ausdruck. Es ist alles verborgen. Große Worte tönen unecht, tönen gezwungen, forciert. Liebe ist still, ist wie ein Säuseln.
Diese Welt schweigt, trotz allem Lärm. Das Entscheidende ist die Stille in der Stimme. Das Entscheidende ist diese zarte, diese sehr empfindliche Stille, diese Sanftmut in der Stimme. Denn man weiß, es ist eigentlich Gottes Stimme. Gott spricht, und die Welt ist. Trotz allem Geräusch kann keine Pflanze uns sagen, wie es ihr ist, kann kein Tier uns erzählen, was es erlebt, was es erwartet. Und kein Mensch kann sich äußern, »wie es ihm hier ist«. Er weiß es selbst kaum, er weiß nur, dass er es nicht sagen kann.
aus: Die bewahrte Stimme
10.12.2011
Wenn in einer Sprache Freude und Leid erlebt werden kann, dann nur, weil die Sprache eine jenseitige Dimension besitzt, um das Innere zu fassen. Wenn große Gedichte und ergreifende Prosa in einer Sprache entstehen, dann nur, weil die jenseitige Facette mit in der Sprache lebt.
So geht es mir immer darum, das Heilige, das Ewige in der hebräischen Sprache aufzuspüren, also dem Namen »Hebräisch« im Hebräischen gerecht zu werden (Hebräisch = ewer = jenseitig, vom Jenseits kommend). Jedes andere Motiv wäre Überheblichkeit, würde alles gleich, weil Lüge, verderben können. Ich denke deshalb an das Pfingstwunder in der Apostelgeschichte des Lukas, wo in Jerusalem doch alle Sprachen verstanden werden. Und Lukas bedeutet doch im Griechischen Leuchte, Licht.
aus: Innenwelt des Wortes im Neuen Testament
09.12.2011
Weißer Winter:
Wald und Wiese, Gräser und Blumen sind tot, sehen jedenfalls wie tot aus, alles ist wie erstarrt. Weiße Sträucher, weiße Bäume und dann die weiße Decke. Man nennt sie manchmal die Leinwand des Todes. Will der Winter sagen, dass im Tod alle Momente des Lebens eine Einheit bilden, eine Einheit im jetzt gewandelten Leben? Alle Momente wie alle Farben des Spektrums. Also auch alle Leute denen man im Leben begegnet, alle, welche kamen und gingen, alle sind dort mit uns vereint. Auch alle Wünsche und Träume, zarte Nuancen der ausgesprochenen Farben bilden die Bausteine für das blendende Weiß. Zeigt nicht der Winter, dass es gut ist wenn alles schläft? Die weiße Decke sagt es aus. Auf der gleichen Stelle wird alles wieder auferstehen.
aus: Kurztexte
08.12.2011
So haben wir in allen unseren Maßstäben ein Messen zwischen zwei Extremen. >Groß< gibt es nur gegenüber etwas anderem, das dann kleiner oder noch größer ist; immer messen wir an etwas Gegenüberstehenden. Sogar Gut und Böse beziehen sich auf ein Verhältnis: gut - im Vergleich wozu? Vieles, ja, alles in der Sprache und in der Welt besteht auf einer merkwürdigen Dualität. Warum gibt es immer diese Zweiheit, warum ist nicht alles klar und eindeutig? Da ist etwas, das uns stört, das wir gerne anders haben möchten. Irgendwie sind wir enttäuscht.
Schon ein Kind kennt dieses Gefühl, wenn es hört, wie der Mensch im Paradies lebt, und sich dann fragt, warum Gott in seiner Allmacht die Schlange erschuf. Er hätte es doch auch anders fügen können, dann lebten wir noch heute in paradiesischen Zuständen.
Geheimnisse, Missverständnisse, Widersprüche - wir spüren, hier herrscht eine andere Gesetzmäßigkeit, die wir nicht durchschauen können, die wirkt, ohne daß wir sie begreifen. Wenn wir diese Tatsachen leugnen, verdrängen wir eine Wirklichkeit. Und Verdrängung führt, wie uns die Psychologie lehrt, zu Neurosen und allerlei psychischen Krankheiten. Eine Realität aus unserem Leben einfach zu streichen, kann nicht gelingen. Vielleicht haben die große Unruhe und Unlust, die sich weltweit bemerkbar machen, gerade hier ihre Ursache. - Ich glaube, es wäre grundfalsch, diesen Fragen aus dem Wege zu gehen.
aus: Das chassidische Narrenparadies
05.12.2011
Die Aggressivität äussert sich auch in dem, was man die Konsumgesellschaft nennt. Die verzweifelte Lage hat uns in den Konsumrausch gebracht. Man denkt sich mit Konsum zu betäuben. Man stellt Glück adäquat an Menge des Konsums, man verfeinert ihn. Die Menükarte wird auf jedem Gebiet raffinierter. Uns fehlt aber nicht dieser Konsum, uns fehlt die Beziehung zum Leben; und das heisst, zum ganzen Leben. Zum naturwissenschaftlich bedingten und zum Leben als Mensch, als Dichter, Träumer, Künstler, als Liebender, Schenkender, Beschenkten, Glaubenden, Treuen, Akzeptierten.
Die aggressive Reaktion an sich weist auf ein Kranksein hin. Und wenn diese aggressive Reaktion »schlagend« wird, dann zeigt sie eben die Vorherrschaft der naturgesetzmässigen,konkreten, einseitigen Argumente. Dies gilt für Junge und Alte. Denn bei beiden fehlt dann der Na-ar, der Geweckte, der das ganze Leben Sehende. Ich möchte auf diese andere Seite des Menschen hinweisen. Denn welche gescheiten Theorien wir auch bringen, ich glaube nicht an die Wirkung ihrer Anwendung, wenn sie überhaupt je zur Anwendung gelangen.
Wenn einmal Gewalt ausgelöst ist, dann rollt sie, naturgesetzmässig, wie eine Lawine, mit Beschleunigung weiter. Vielleicht könnte man ihr Einhalt gebieten, wenn beide Seiten, alle Generationen, sich auf die andere Seite des Lebens besinnen. Die Revolution frisst ihre Kinder. Die grossen Schreier enden fast immer im Untergang. Auch dies ist naturgesetzmässig.
aus: Wege ins Wort (Abschnitt von der Jugend)












