31.08.2011
Dort im Tempel der Wohnung Gottes herrscht die Ordnung des Loses. Nicht ich bestimme was jetzt dran ist, ich ziehe ein Los, meine Hand wird gelenkt, das ist es. Meine Hand, mein Fuß wird gelenkt. Was wir planen wird von dorther gelenkt. Im Zentrum bei uns, im Grunde der materiellen Erscheinung, ist die  Grundlage schon so, dass alles von dorther gelenkt wird.
aus: Audio-Vortrag "Das Lukas-Evangelium"


30.08.2011
Von Glauben aber kann man erst sprechen, wenn alles den Gegenbeweis liefert, daß du rechthast, 
Lieben beginnt dort, wo für dich gar nichts herausspringt,
und hoffen kannst du nur, wo vollständige Verzweiflung, ohne den Schimmer einer Hoffnung, herrscht.

aus: Psychologie der Sehnsucht


29.08.2011
Der Mensch, der heute nur Sklave des Zeitdenkens ist, träumt dann auch nur Träume von dieser Seite der Schwelle. Er bekommt keinen Kontakt mit der anderen Seite, und das will sagen, dass er tatsächlich von diesem Anderen abgeschnitten ist - eine große Tragik.
aus: Der Weg durch den Tempel


28.08.2011
Das hebräische Wort "Howe" kann mit "Gegenwärtige Zeit", also ein Sein im Gegenwärtigen, im Vorhandenen, also in der Gegenwart, übersetzt werden. In der dritten Person wäre es dann Er - howe. Die dritte Person wird im Hebräischen mit dem Präfix "je" dargestellt. So würde man das Tetragramm lesen können als er ist, so wie Gott sich dann selber auch nennt "ich bin". Besser aber ist es, dieses Tetragramm zu erfahren als er das Sein, und das Sein als in allen Zeiten zu empfinden. Daß man im jüdischen Brauch dieses Wort einfach nicht ausspricht, hängt nicht zuletzt wohl schon davon ab, daß man etwas ewig Daseiendes, in allen Zeiten sich gleich Manifestierendes, nicht im Flusse der Zeit artikulieren kann. Ehrfurcht wäre hier dann das Staunen, daß es etwas gibt, welches in allen Zeiten gleich bleibt. Der Name Zur, Felsen also, kommt aus diesem Empfinden hervor. Der Felsen ist das Bild im Irdischen vom Ewig Seienden. Zur ist einer der Namen Gottes. Die Vokalisierung des Tetragramms kommt von dem Worte Le-olam, welches für ewig bedeutet. Gott sagt dort, bei seiner Namensnennung an Mose beim Dornbusch, dieser Name sei le-olam.
aus: Legende von den beiden Bäumen


27.08.2011
Das Wissen scheint etwas zu sein, das irgendwie nicht gut ist, nicht gut tut. Obwohl wir doch alle wissen möchten, wissen müssen. Aber könnte es nicht sein, daß Wissen von selber kommt, während und indem man das Leben nimmt, hinnimmt? Vielleicht lehrt uns das Leben wissen. Wie wir in reiferen Jahren die Erfahrung spüren. Anfangs denkt man, man könne Leuten alles gleich erklären, und dann wüßten sie es auch gleich. Man lernt im Leben aber, daß Erklären gar nichts hilft. Der, dem man es erklärt, muß bereit sein, es aufzunehmen, wie es in einem selbst lebt. Oft aber möchte er es gar nicht aufnehmen, weil es ihm nicht gefällt, oder er nimmt es »kritisch« auf.
aus: Der siebenarmige Leuchter


26.08.2011
In einem Punkte gleichen sich alle Folgen des Wohlstandes und der eroberten Freiheiten: Je üppiger und bequemer der Mensch lebt, je weiter der Kreis erlaubter Lust und Willkür gezogen ist, umso unzufriedener wird er. Auch das Extravagante füllt die Leere nicht, es stumpft nur ab.
aus: Hat der Mensch noch eine Zukunft


25.08.2011
»Es fehlt unserem Gespräch etwas. Es fehlt eine gemeinsame Basis. Ich verstehe dich wohl. Aber ich spüre, du hörst meine Worte, und dennoch mischen sie sich bei dir auf eine Weise, daß das für mich Wesentliche nicht durchkommt. Es scheint mir, du bist geschlossen, fest verschlossen für das, was ich Gnade nenne. Es ist das Offenständigsein für das Jenseitige, für das Heilige also. Und das Öffnen ist ein Erlebnis in dir selber. Vielleicht sehnst du dich in eine andere Richtung.«
aus: Das jüdische Passahmahl und was dabei von Erlösung erzählt wird


24.08.2011
Wir haben eine Art Gehirnwäsche durchgemacht, schon auf der Schule, und das läuft schon seit einigen Jahrhunderten so. Dadurch sind wir total verändert. Wir haben bestimmte Organe vollkommen verloren. Wir sind nicht mehr imstande zu denken und zu sehen, wie die Menschen von vor zweitausend Jahren dachten und sahen, und auch nicht mehr, wie Menschen aus anderen Kulturen der Erde gegenwärtig noch denken und sehen. Hinzu kommt noch, dass sie sich ihrerseits keine Vorstellung von unserer Denk- und Sichtweise machen können. Dadurch bilden sie sich ebenso schnell ein falsches Urteil über uns wie wir über sie, zum Beispiel: Der moderne Mensch ist unreligiös und macht alles falsch! — Ich glaube, dass es der moderne Mensch gar nicht so falsch macht, er geht nur anders auf die Dinge zu. Darum müssen wir hier versuchen, trotz unserer Schulausbildung usw., auf dieses alte Wissen so zuzugehen, dass wir es doch verstehen können. Wenn nicht, bleiben diese Welten voneinander getrennt und ist keine Brücke zwischen ihnen möglich. Aber es ist ausgeschlossen, diese andere Welt mit den Maßstäben unserer Welt zu beurteilen.
aus: Der Weg durch den Tempel


23.08.2011
In der Zeit bist du, kann man sagen, >normal<, denn Kranksein hat im Hebräischen als Wurzel »chol«, das Gewöhnliche, das Allgemeine; es bedeutet also: Durchschnitt, so sein wie alle. Dir fehlt also, daß du aus der Quelle des Seins schöpfen, wie ein Säugling von der Mutterbrust jeden Moment einsaugen kannst.
aus: Gern möchte ich vom Messias erzählen


22.08.2011
Der Mensch kommt irgendwo her. So wie er biologisch von seinen Eltern herkommt, so kommt doch seine Seele vom Himmel, von Gott her, vom Jenseits. Und von dort bringt er auch alles Wissen über das Jenseits mit, das nur hier bei der Geburt in eine Verbannung gerät, so daß er nichts mehr von vorher weiß.
aus: Die jüd. Wurzeln des Matthäus-Evangeliums

21.08.2011
Das Gebiet der Seele ist also, wenn man es im Absoluten sieht, das Gebiet des Kindes. Auch der Mensch, der achtzig Jahre alt ist, hat in sich dieses Gebiet, genauso wie bei seiner Geburt. Es liegt an der Grenze seiner Existenz, eben dort, wo diese Existenz an das Jenseits grenzt. Dort lebt er als Kind. Und dort soll er auch verstehen, daß dieses Kindsein eigentlich die Verbindung dieser Welt mit der anderen bildet. Sein ganzes Leben, all die Jahre und Jahrzehnte, die er hier lebt, sind als eine Einheit zu sehen.
aus: Die jüd. Wurzeln des Matthäus-Evangeliums


20.08.2011
Das Verborgene, das Geheimnis, heißt im Hebräischen szod. Fundament, Element, heißt jeszod, ist also, verständlich, aus diesem Begriff des Geheimnisses erst möglich. Und steht uns diese andere Seite des Lebens, das Gegenüber zum meßbaren, sichtbaren, analysierbaren Erscheinenden nicht als ein Geheimnis, bis zum Erschreckenden, gegenüber?
Das hebräische Wort für weiblich ist nekewa. Und das bedeutet hohl, ist also nur äußerlich. Das Erscheinende ist dieses Äußere, es birgt, wie das Erscheinende im Leben, das Geheimnis des Gegenübers im Leben.

aus: Gedanken über Leben und Tod


19.08.2011
Wo bloß diese Welt, der unendliche Leviathan, herrscht, wird jedes Leben ungesäumt durch diese Maßlosigkeit verschlungen. Wo man hinge-gen „Iwri" ist, geprägt von der Sinnfülle der anderen Welt, in der auch diese Welt ihren Platz hat, muß sich der Leviathan unterwerfen. Er ist dann nicht mehr der Einzige, alles Umfassende - im Gegenteil, das Wissen um die Vergänglichkeit der zeitlichen Welt mündet in das Wissen um die Welt des Messias und deren Beständigkeit. Der Leviathan wird dann nicht allein überwunden, sondern aufgenommen sein, und es gibt nichts mehr, das nicht dem Aufbau der neuen Welt gedient haben wird.
aus: Jona

18.08.2011
Es scheint ein Geheimnis der Grundstruktur der Welt zu sein, daß im Wesen alles als eine solche Zweiheit erscheint und daß im Wesen diese Zweiheit dennoch aus einem Stoff geformt, daß ihre Wurzel dieselbe ist, daß ihre Flügel sich an den Spitzen berühren. Das will also auch sagen, daß nichts eindeutig geklärt werden kann. Im Streben nach Eindeutigkeit wird man die andere Seite verdrängen, vor dem anderen Engel einfach die Augen schließen. Und dann wird man die Urstruktur des Menschen schänden, weil man die Wahrheit nicht sehen will. Eine geschändete Urstruktur kann nur ein verzerrtes Menschenbild hervorbringen, ein unwahres.
Der Mensch wird sich dann unwohl, verletzt, verärgert, krank fühlen.

aus: Das chassidische Narrenparadies