Was möchte Friedrich Weinreb mitteilen?

Oft werde ich gefragt: "Was will Friedrich Weinreb eigentlich mitteilen?" Die Antwort auf diese Frage ist leicht und schwer zugleich. Zudem ist sie nur meine Interpretation, die aus meiner (begrenzten) Art der Wahrnehmung entspringt. Trotzdem möchte ich versuchen, diese für mich im Laufe der Zeit aus den Büchern und Vorträgen gewonnenen Erkenntnisse an dieser Stelle wiederzugeben:
Prof. Friedrich Weinreb war ein Mensch, der schon in seinen jungen Jahren eine tiefe Sehnsucht nach dem Ewigen hatte und dieser Sehnsucht Raum gab. Bedingt durch seine chassidische Herkunft wurde er bereits als Kind mit den jüdischen Überlieferungen vertraut und war - wie man unten lesen kann - sehr überrascht, dass sich heute niemand mehr für diese grundlegenden Erläuterungen zum SEIN des Menschen interessiert. Er spürte, dass die eigentliche Botschaft im Inneren der Worte enthalten ist. Sämtliche Streitigkeiten bis hin zu Kriegen innerhalb der Religionen, Kirchen und Gemeinden beruhen auf einem wörtlichen Verständnis der heiligen Texte. Dabei ist es untergeordnet, ob es sich um den Koran, die Veden oder die Bibel handelt. Die äußere, buchstabengetreue Interpretation - die wissenschaftliche (wie Weinreb das nennt) - zerstört alles.
Zuweilen wird Friedrich Weinreb als "Kabbalist" bezeichnet, was definitiv - im Sinne des heutigen Wortverständnisses - nicht stimmt. Er selbst wurde nicht müde zu erklären, dass "Kabbala" von hebräisch "kibel" abgeleitet ist und nichts weiter bedeutet als: empfangen / erhalten im Sinne von weiterreichen und erhalten = überliefern. Er distanzierte sich scharf von allen hypothetischen Zahlenjongleuren, Wahrsagern, Weissagern und sonstigen Menschen, die die Überlieferung mit Füßen treten, indem sie daraus Techniken und Methoden entwickeln, um Dinge zu beeinflussen oder Ereignisse vorherzusagen. Letztlich sind alle Schriften geeignet, gebraucht oder missbraucht zu werden - allen voran ist in unserer Kultur die Bibel vielleicht das beste Beispiel dafür - jedoch sollte man erwachsen genug sein, sich seine eigene Meinung zu bilden und nicht nach der Überzeugung anderer zu fragen.
Wenn 95% der Menschen das Werkzeug "Messer" bspw. zum Verletzen von Personen missbrauchen würden, würde mich das dennoch nicht davon abhalten, ein Messer für die Zubereitung einer Mahlzeit zu verwenden. Leider ist genau das mit der Bibel geschehen. Selbsternannte Ausleger der Bibel kreieren Gottesbilder und implantieren diese in die Seelen offener Zuhörer, die fortan nicht mehr imstande sind, "Andersgläubige" zu akzeptieren, weil nur sie den "wahren" Glauben haben... Sie haben ein Bild geschaffen, welchem sie sich unterordnen - weiter nichts. Diese menschlich geschaffenen Gottesbilder zu vernichten war ohne Zweifel das Hauptersuchen Weinrebs. Jedoch kämpfte er nicht GEGEN Meinungen und Überzeugungen, sondern stellte sein eigenes Staunen vor der Größe Gottes in den Mittelpunkt, das er immer gepaart mit großer Freude an die Zuhörer weitergab. Oft nutzte er als Beispiel aus der Bibel, die Offenbarung Gottes in einer Wolken- oder einer Feuersäule. "Welche Form hat eine Wolke?", fragte er. Keine Wolke ist wie die andere. Beim Feuerschein ist es desgleichen. Die persönliche Begegnung mit Gott kann nie nach Schemata sein. "Sobald es eindeutig ist, ist es falsch!" konstatierte er.
Theologen, Philologen und Etymologen mögen einwenden, dass seine Herangehensweise und sein Umgang mit dem Alt-Hebräisch wissenschaftlich nicht korrekt sei. Das dementierte er nicht, verwies aber im gleichen Moment auf die Armut der Einseitigkeit und konterte gerne mit folgendem Beispiel (sinngemäß):
"Wer kennt das Wesen eines Mannes besser? Seine Ehefrau, die mehr als 30 Jahre mit ihm verheiratet war oder der Pathologe, der seine Leiche seziert?" Theologen waren für ihn nichts weiter als Pathologen, die sich dem (aus ihrer Sicht) Leichnam "Bibel" mehrere Semester lang gewidmet haben. Natürlich gibt es auch - und das freut mich sehr - einige Ausnahmen in allen Konfessionen.
Ihm ging es nicht um Wortspielereien und Besserwisserei, sondern um das Leben in der Bibel. Wie lebt die Bibel heute IN DIR und MIR - darum ging und geht es. Die Bibel ist kein historisches Buch, sondern eine Botschaft aus dem Ewigen (dem Dort) - ins Diesseits (dem HIER). Deshalb können wir nicht unsere Maßstäbe des Diesseits anwenden, um das "DORT in der Einheit Lebende" zu fixieren und greifbar zu machen.
Friedrich Weinreb war kein Religionsstifter, Sektenführer oder ein "Nur ich habe Recht - Verkündiger". Für ihn waren alle Menschen im Gleichnis Gottes und Träger der "neschamah" (= göttlliche Seele - siehe 1. Mos. 2,7), ganz gleich welcher Herkunft sie waren oder welches Bekenntnis sie hatten. Es gab christliche Gemeinden, die ihn als Exklusiv-Redner für sich verpflichten wollten - ohne Erfolg. Moralanleitungen und Verhaltensregeln sucht man bei ihm vergebens. "Dein Verhalten resultiert aus Deinem Sein. Orientierst Du Dich am Diesseits, wird Dein Verhalten dieser Orientierung folgen. Lebt in Dir der "Iwri" (der Hebräer = der Jenseitige), wird Dein Verhalten aus dieser Quelle genährt. Erzwinge ich ein Verhalten, um "fromm" oder sonst was zu sein, bin ich nichts weiter als ein Heuchler - Außen und Innen stimmen nicht überein." Diese Menschen empfinden einen enormen Verdruss in ihrem Leben.
Wer sich ohne Vorbehalt und mit kindlicher Offenständigkeit seinen Schriften und Vorträgen widmet, dem erschließt sich nach und nach nicht nur die Bibel, sondern auch das eigene Leben als unverbrüchliche Einheit, die in absoluter Harmonie schon immer da war und unveränderlich ist. Bei vielen Menschen ist die Kenntnis der eigenen Herkunft verschüttet unter einem Wust logischer, widersprüchlicher und menschlicher Deutungen. Sie sind abgetrennt von ihrem wahren Sein und haben keine Beziehung mehr zu ihrer wirklichen (inneren)  Heimat. Das bezeichnet der Begriff "verloren". Blitzt im Alltag die "andere Seite" einmal unverhofft auf - das kann in sehr glücklichen oder auch leidvollen Momenten geschehen - so werden die Umstände möglichst rasch erklärt oder man gibt sich damit ab, einfach "Glück" oder "Pech" gehabt zu haben. Doch war es weder das eine noch das andere. Das Jenseitige möchte sich Dir mitteilen bzw. Dir zeigen, wer Du in Wirklichkeit bist.
Geht es uns Menschen nicht zuletzt um genau diese Frage, wer wir eigentlich sind? Mit der Literatur Weinrebs und den erhalten gebliebenen Aufzeichnungen aus seiner Vortragstätigkeit gelangt sicher niemand dazu, alles zu wissen - vielmehr könnte sich jedoch ein Ahnen von etwas sehr sehr Großem einstellen, welches uns in unserer vermeintlichen Klugheit zum Schweigen bringt und tiefen Respekt, stille Dankbarkeit und Staunen auslöst über alle Wunder im Worte und dem Wunder unseres Seins. Es könnte dazu kommen, das eigene Leben aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen und wahrzunehmen, nämlich aus der Sicht des Ewigen - unserer Heimat. Bedingt durch dieses Erleben wird auch in uns aus "Saulus" ein "Paulus", dem es vollkommen unverständlich wurde, dass er die Einheit in der Vielheit gesucht hatte.
D. Miunske

Lassen wir nun Friedrich Weinreb selbst betreffs seiner Beweggründe, mittels Bücher und Vorträge öffentlich zu werden, zu Wort kommen (Auszug aus dem Buch "Das chassidische Narrenparadies"):

In meinem Buch (gemeint ist sein Hauptwerk "Schöpfung im Wort") handelt es sich eigentlich um eine Antwort auf die Frage, ob der Mensch einen Sinn seines Lebens erkennen kann, ob er weiß, wozu er hier ist. Es hat mich berührt, dass ich in meiner Jugend mitansehen musste, dass fast die gesamte westliche Menschheit – und vielleicht auch der größere Teil der übrigen – gerade dies nicht weiß. Man wird erzogen für die Karriere, für die Wissenschaft, für die Gesellschaft usw., aber man weiß nicht, wozu das alles eigentlich dient, was der Sinn des Ganzen ist. Ich glaube, das ist eine Entwicklung, die sich schon seit Jahrhunderten angebahnt hat, jedenfalls ist es keine Sache der letzten Jahrzehnte allein. Die Ursachen liegen weit zurück. Wir sind aber in unserer Zeit dem Problem dadurch in besonderer Weise ausgesetzt, dass wir eine ganze Welt um uns haben, die den Sinn des Lebens nicht mehr erfasst. Und es gibt fast keinen Menschen, der wirklich etwas darüber sagen kann. Die großen Religionen machen viele Versuche, aber wahrscheinlich sind diese doch nicht von einer genügend tiefen Überzeugung stimuliert und von einem tiefen Wissen um die Probleme, die uns die heutige Zeit aufgibt. Und deshalb sehen wir, dass auch die Antworten der Religionen eher einen defensiven Charakter haben, als dass sie wirkliche Antworten wären, die dem Leben eine neue Richtung geben könnten.

Das ist im Grunde entsetzlich; denn wozu nützt das Leben, wenn man nicht weiß, wozu man lebt? Ich selber habe mir diese Frage auch immer wieder gestellt. Wir studieren immer weiter, es werden mehr und mehr Bücher geschrieben, man muss viel lesen. Am ehesten findet man noch eine Diagnose der Zeit. Aber die Diagnose war schon früher fast immer pessimistisch und wird sogar noch immer pessimistischer. Man glaubt, die Welt könne nicht mehr lange so weitergehen, die Menschen würden mehr und mehr zu Robotern, immer gröber und unmoralischer. Kurz, es ist eine Entwicklung, die den Schluss nahelegt, die Menschheit leide an einer entsetzlichen Krankheit. Ich glaube daher auch, dass die beiden Weltkriege letztlich durch den Unwillen der Menschen verursacht wurden, den Unwillen zum Leben.
Der Mensch glaubt nicht mehr an einen Sinn; wenn man aber an dieses Fundament des Lebens nicht mehr glauben kann und meint, es gäbe vielleicht niemanden, der einem sagen könnte, wozu das Leben dient, was der Tod ist, woher man kommt und wohin man geht – dann kommt man zu einer Reaktion, die so extrem negativ ist, dass man alles um sich herum zusammenschlagen, sich schließlich auch selbst vernichten will. Man wählt lieber den Tod als ein Leben in dieser sinnlosen Welt. Vielleicht drücke ich mich zu krass aus, aber das ist Absicht; denn wenn man die Oberfläche abkratzt, kommt tatsächlich ein entsprechender Sachverhalt zutage.
Dabei habe ich mich immer gefragt: Gibt es denn tatsächlich nichts in der Welt, was dem Menschen seine tiefste Frage beantworten kann? Nun sehen wir immer wieder, dass von Menschen stets nur eine Teilantwort kommen kann, ein Trost, ein Mitleiden, aber eben doch keine wirklich befriedigende volle Antwort. Der Erwachsene will aber entweder eine Antwort oder, wenn diese ausbleibt, stürzt er sich in den Rausch. Diesen kann er sich verschaffen durch den Alkohol, durch übertriebenen Sport, durch Überbetonung gesellschaftlicher Rücksichten oder dadurch, dass er die Wissenschaft betreibt, einzig zu dem Zweck, sich zu betäuben. Dieser Drang zur Betäubung zeigt eigentlich schon die Krankheit.

Die Menschen tun freilich ihr Bestes, um Antwort zu geben. Wir werden geradezu überschüttet mit Büchern, mit Vorträgen – doch immer spürt man: Ja, der meint es gut, er will selbst eine Antwort haben, sucht deshalb, tröstet uns vielleicht – aber eine definitive Antwort, die bis zum Letzten vordringt, bekommen wir von ihm nicht.
Nun habe ich mir immer vor Augen gestellt, dass es durch die Jahrtausende hindurch ein Buch gab, das unverändert geblieben ist, das dem Menschen doch immer mehr bedeutet hatte als alles andere – und das für viele bis heute: ich meine die Bibel. Wenn man nun hört, die Bibel sei Gottes Wort, Gottes Offenbarung, so hofft man natürlich, in ihr endlich eine gültige Antwort zu finden. Dann fragt man vielleicht Menschen, von denen man annimmt, dass sie mehr wissen als man selber, weil sie älter sind, weil sie die Bibel gründlich erforscht haben, was denn dieses Buch eigentlich zu sagen hat. Leider begegnet man dabei oft einer gewissen Verlegenheit und stellt fest, dass die betreffenden Menschen auch keine rechte Antwort haben. Sie haben nämlich die Bibel zu einem bloßen historischen Buch gemacht, einem Buch, das die Geschichte der alten Menschheit auf eine Weise erzählt, die für viele heutige Menschen nicht mehr annehmbar ist. Vieles darin mag man zwar schön finden, von anderem aber kann man sich nicht vorstellen, dass es wirklich so gemeint ist, wie es da steht. Und dann kommt ein gefährlicher Schritt, dann sagt man nämlich: Die Autoren der Bibel waren eben von unserem Standpunkt aus primitive Leute, die einfach noch nicht wussten, was wir heute wissen. Hätten sie unsere wissenschaftlichen Errungenschaften gekannt, so hätten sie das alles anders gesehen.

Wenn aber die Verfasser der Bibel – wer sie auch sein mögen – menschliche und göttliche Dinge nicht wussten, die wir sehr wohl wissen, so kann die Bibel nicht mehr Zentrum für unser geistiges Leben sein, uns keine definitive Antwort auf alle unsere Lebensfragen geben. Denn die Fragen, die wir heute stellen, sind entsetzlich ernst, berühren Sein oder Nichtsein; und wenn ein Buch wie die Bibel von Verfassern stammt, die sehr viele Dinge einfach noch nicht wussten, so verlieren seine Antworten den größten Teil ihres Wertes, kann es kein göttliches Buch sein. Man mag es weiterhin so nennen, aber man hat damit zugleich das Göttliche entwertet.
Dies alles ist sehr ernst. Ist die Bibel nur eine Erzählung der Geschichte aus dem Altertum, dann kann sie uns zwar Moral- oder Weisheitslehren vermitteln, aber doch nicht die Antwort! Und doch will ich – und ich bin überzeugt, dass Millionen das mit mir wollen – die Antwort haben. Wir möchten doch imstande sein, dieses Buch so zu verstehen, dass, wenn es vielleicht doch göttlich wäre, das Göttliche auch zum Vorschein kommt. Vielleicht steckt eben doch ein Wunder in diesem Buch, ein Wunder, das in anderen Dingen nicht zu finden ist. In der Natur, im Leben sehen wir vieles, das wir nicht verstehen, das uns überwältigt und uns ausrufen lässt: Wenn das möglich ist, dann gibt es eben doch keine Gerechtigkeit, keinen Gott!

Nun ist da aber eine Vorbedingung zu beachten: Wenn man die Fragen, auf deren Beantwortung man besonderen Wert legt, stellt, dann muss man sie auch richtig und lückenlos stellen. Man soll nicht vor einigen Fragen die Augen schließen und sagen: Dies oder das glaube ich schon, da will ich gar nicht weiter fragen. Es ist vielmehr die Pflicht des Menschen dem Leben und dem Schöpfer gegenüber, seine Fragen in aller Offenheit zu stellen und sich nicht zu verstecken. Und es sind viele Fragen! Allein die Fragen zur Schöpfungsgeschichte selber: Wie ist das mit diesen sechs Tagen und dem siebten Tag? Wie ist es mit dem Paradies? Stimmt das? Kann das so sein? Wie ist das mit verschiedenen moralisch zweifelhaften Geschichten, zum Beispiel, dass die Erzmutter Sarah die Hagar in die Wüste schickt, dass Jakob den Segen bekommt, obwohl er seinen Bruder Esau und sogar seinen Vater betrügt, dass Joseph von seinen Brüdern verkauft wird? Wie ist das mit der Geschichte von David und Batscheba? Es gibt so viele Geschichten in der Bibel, bei denen wir uns fragen müssen: Was kann das bedeuten? Ist das eine Erzählung von Dingen, die sich tatsächlich so verhalten haben, und warum steht sie überhaupt in der Bibel? Es gibt weitere Fragen: Wozu wird in der Bibel so viel von Opfern, besonders Tieropfern, gehandelt? Wenn das nur Dinge waren, die schon seit Jahrtausenden keine Gültigkeit mehr haben, wozu spricht dann die Bibel überhaupt davon? Was soll uns das? Es werden doch sehr viele Einzelheiten dieser Opfer mitgeteilt, zum Beispiel handelt das ganze Buch Leviticus fast ausschließlich davon. Wozu das? Wozu zum Beispiel auch die genealogischen Tabellen? Oder die Hunderte von Namen, die uns nichts mehr sagen? Ist das alles gleich heilig, gleich wertvoll? Wenn aber nicht, wo fängt dann das Heilige an und wo hört es auf? Für uns heutige Menschen mag diese Grenze vielleicht hier, in anderen Zeiten aber ganz woanders liegen. Aber die Ganzheit der Bibel geht so verloren, die Ganzheit eines Buches, von dem man erwartet, dass es Antwort geben könnte. Diese Frage muss man sich stellen, hier muss man kritisch sein. Man soll nicht einfach akzeptieren, sondern erst, wenn man alles wirklich durchlebt und verstanden hat, soweit es überhaupt für Menschen zu verstehen ist. Das ist außerordentlich wichtig. Zu sagen, dafür habe ich keine Zeit, ist eine Ausrede. Das macht man bei wissenschaftlichen Untersuchungen auch nicht. Da ruht man nicht, bis man es verstanden oder gefunden hat, weil man die Wissenschaft ernst nimmt.
Nun wurde ich schon in meiner Jugend aufgrund meiner jüdischen Erziehung mit Quellen bekannt, die wir im Judentum die >mündliche Überlieferung< nennen. Bis vor über tausend Jahren, zum Teil bis vor eineinhalb Jahrtausenden, war sie eine mündliche, ist aber schon vor zweitausend Jahren niedergeschrieben worden, ist also heute genauso schriftlich und gedruckt wie die Bibel. Diese mündliche Überlieferung ist ein umfangreicher Komplex und besteht aus zahlreichen Bänden, die eigentlich ein fortlaufender Kommentar zur schriftlichen Bibel sind – Kommentar im Sinne des Verstehens, auch im Sinne, wie man mit dieser Bibel leben kann und soll in einer Welt, deren Zentrum sie darstellt.

Leider wird nun aber auch diese mündliche Überlieferung heute zum großen Teil nicht mehr verstanden. Man studiert sie wohl noch eifrig, aber das, was darin steht und Antwort zu geben vermöchte auf die großen Fragen nach dem Warum und Wozu unseres Lebens, das hat man – vielleicht aus übertriebener Bescheidenheit oder Schüchternheit – liegen lassen und ist nicht darauf eingegangen; vielleicht auch, weil man befürchtete, dass es doch keine Antwort sei. Man wollte lieber glauben, dass alles irgendwie schon gut sei und ohne zu fragen weiterleben, anstatt die Dinge ernst zu nehmen. Das Resultat war natürlich, dass Tausende vom Glauben abfielen, weil sie einfach nicht mehr glauben konnten. Das waren keine bösen und schlechten Menschen, das waren oft sogar besonders ehrliche, gute Menschen, die sich sagten: So kann ich es nicht akzeptieren, nicht glauben.
Nun habe ich – und das ist vielleicht das Große in meinem Leben, so wie jeder etwas Großes in seinem Leben hat – bei diesen heute gedruckten Quellen der mündlichen Überlieferung aus dem Altertum etwas gefunden, das einen Schlüssel darstellt zur ganzen mündlichen und schriftlichen Überlieferung der Bibel.
Wenn man diesen Schlüssel einmal hat, dann erlebt man ein Wunder. Es ist aber keine Sache, die etwas mit Trance zu tun hat, mit Meditationen oder auch mit Visionen, vielmehr handelt es sich um eine ganz schlichte, offene Sache, die mit dem menschlichen Intellekt anfängt und auch tatsächlich, je mehr man vordringt, weitergeht. Der Intellekt des Menschen ist nicht der ganze Mensch, aber es soll doch ein Fundament auch von materieller, verstandesmäßig fassbarer Wahrheit vorhanden sein. Ich habe das gesucht, weil ich in meinem Leben auch sonst mit wissenschaftlicher Arbeit zu tun habe und gewohnt bin, die Sachen ernsthaft zu untersuchen, statt einfach zu glauben, was in der Wissenschaft ja katastrophale Folgen nach sich ziehen würde.

Wenn man also den Schlüssel hat und diese Quellen mit ihm erschließen darf, dann sieht man nicht nur eine neue Welt entstehen, man sieht auch, wozu dieses Leben, wozu die ganze Schöpfung da ist. Man sieht den Sinn des Lebens, den Sinn der Geschichte. Die Fragen, die man sich vorher stellte, werden nun tatsächlich beantwortet. Man sieht, dass die Bibel nicht ein bloßes Geschichtsbuch ist, sondern eine ewige Botschaft, etwas, das genauso von einer anderen Welt her ist wie die Schöpfung selber. Ebenso wie der Mensch nicht die Himmelskörper gemacht hat und alle die Himmel, Millionen Lichtjahre weit, so hat er auch die Bibel nicht gemacht. Die Bibel ist – und das spürt man genau, wie man es auch bei der Schöpfung spürt, wie man es in der Naturwissenschaft spürt – die Bibel ist auch eine Schöpfung, etwas aus einer anderen Welt. Man wird es vielleicht nicht glauben, und ich bitte Sie, es ruhig nicht zu glauben, sondern sich selbst zu überzeugen. Gerade deshalb habe ich auch dieses Buch geschrieben, damit man in die Materie eingeführt wird und sieht, worum es sich handelt. Man kann natürlich in einem Buch nicht alles schreiben, aber ich glaube, dass genügend darinsteht, um dem Menschen die Augen zu öffnen, um ihn zu veranlassen, sich die Augen zu reiben und zu sagen: >Also wenn das so ist, dann lohnt es sich doch, noch etwas weiter zu gehen.< Mehr will ich nicht. Man wird dann sehen, dass die Bibel wie die ganze Schöpfung eine feste Struktur hat, dass ein System da ist, so wundervoll, dass man sagen muss, das ist sogar noch wunderbarer als das System des Weltalls, die Gesetze, die wir in unserer Naturwissenschaft gefunden haben. Wir sehen, dass das Schöpfungsgesetze sind, keine Menschengesetze, göttliche Gesetze, die unserem Leben Farbe geben. Ich glaube, dass dieses Buch für die heutige Zeit wichtig sein könnte, und deshalb habe ich es auch geschrieben. Was darin steht, habe ich schon seit Jahrzehnten gewusst. Ich dachte aber immer, das sei eben mein persönliches Wissen, mir durch immer neues Studium, durch Entdecken und Finden geschenkt worden. Aber ich glaubte nicht, dass so etwas einfach niedergeschrieben werden kann. Ich dachte, es könnte missverstanden oder zu unwürdigen oder ungeeigneten Zwecken missbraucht werden. Viele Jahre habe ich es überhaupt nicht schreiben wollen und dann Jahre gezweifelt, ob ich es schreiben sollte. Aber schließlich habe ich es doch geschrieben, weil ich diese unsere Zeit sah, diese hoffnungslose Jugend, diese Welt, die, obgleich es ihr wirtschaftlich so gut geht, keinen Sinn des Lebens kennt und keine Lust zu leben hat. Obwohl wir den Frieden wollen und ständig von ihm sprechen, wächst doch ständig die Unzufriedenheit um uns herum. Vielleicht ist es da geradezu eine Pflicht, diese Dinge bekanntzumachen, soweit dazu eine derartige Einleitung in der Lage ist.

Man lese also dieses Buch als eine Einleitung in ein neues Denken, das ganz bestimmt nicht sektiererischer Natur ist, auch nicht das Denken eines Visionärs oder eines Mediums, nein, das Denken eines normalen Menschen, ein Denken, das jeder heutige Mensch auch denken kann und wahrscheinlich auch gerne denken will. Ich glaube, dass der Mensch im Grunde immer so denken wollte, dass – so wie die Schöpfung ihm gegeben ist, um darin zu leben – die Bibel ihm ebenfalls gegeben ist, um als Mensch damit zu leben. Die Welt ist eine Schöpfung und die Bibel ist eine Schöpfung, und beide gehören zusammen. Diese Buch könnte also eine Anregung sein, eine Aufforderung zu einem Leben in dieser Richtung, zu weiterem Studium, zu weiteren Fragen.