über die Bibel, deren Auslegung, Christentum und Sekten

Das Leben, Denken und Forschen unserer Vorfahren hat tiefe Spuren hinterlassen. Vieles wurde fester Wissensbestand, anderes blieb im Fluss. Vor allem die Vorstellungen über beinahe jedes Thema des menschlichen Lebens kamen und gingen auf Grund der speziellen Forschungsergebnisse und im Zuge des Zeitbildes.
Den Büchern der Bibel ging es nicht anders. Die verschiedensten Auslegungen folgten sich im Laufe der Zeit. Was vor ein paar Jahrhunderten richtig erschien, wurde bald überholt – was haben wir heute noch davon? Geht man den Quellen nach, achthundert oder tausend Jahre zurück, dann ist jene Welt so abgrundweit von uns entfernt, und wir haben uns inzwischen so weitgehend verändert, dass Vergleiche komisch wirken. Der Schriftenkomplex aber, den man das Neue Testament nennt, wurde in einer Welt verfasst, die sich schon von den Wurzeln trennen wollte, aus denen sie selber herausgewachsen war.
Wir alle wissen, soweit wir überhaupt ein Wissen darüber haben und Geschichte einen Teil unseres Wissens nennen dürfen, dass sich das Christentum weiterentwickelt hat. Wegentwickelt von seinen Ursprüngen. Das Christentum wollte mit dem Judentum sein, jüdisch in einer gewandelten Art. Jedenfalls wollte man christlicherseits das Ende der Zeit erleben und das Ende der Zeit sehen. Was sich christlich nannte in Ländern wie Palästina oder in Kleinasien, war schon nach relativ kurzer Zeit wieder ausgetilgt, sofern es nicht islamitisch wurde. Das Christentum hat sich erst fern von seinen Ursprungsstätten selbständig entwickelt. Schon geographisch und historisch ist es also zu einem Bruch im Frühchristentum gekommen. Es ging nicht so, wie viele Leute es sich vorgestellt hatten, die in jener Zeit lebten; für das ganze Volk und die ganze Welt breche jetzt eine andere Epoche an, sie werde aus Palästina die neue Botschaft bringen. Nach kurzer Zeit wurde gar nicht mehr von dort aus verkündet, andere Völker folgten und nahmen den Platz ein. Das Christentum wanderte, nach Rom, Konstantinopel (Byzanz), und es wurden neue Zentren der Ausbreitung wichtig.
Es lebten hier vollkommen andere Menschen, die bis vor kurzem, wie man das damals nannte, Heiden gewesen waren, und keine Ahnung hatten von diesen komplexen Traditionen. Sie traten plötzlich in Kontakt mit der Bibel, mit einer neuen Religion, und übernahmen sie in ihre Welt, so wie diese Welt für sie nun einmal aussah. Die Folge war, dass der ganze Ursprung des Wissens, der Tradition und des Lebens, aus dem dann das Neue Testament geworden ist, in Vergessenheit geriet. Ohne das Verschulden der Leute, doch dank besonderer Verhältnisse und Umstände. Es war eine ganz neue Welt, es waren ganz andere Menschen, ohne Verbindung mit der ursprünglichen Vergangenheit.
Die Prediger in den Ländern, die dem Christentum neu erschlossen waren, reisten meist aus oder über Rom heran. Wenn noch vereinzelte Traditions-Kontakte bestanden, so schwächten sie sich im siebten Jahrhundert ab, weil der Islam, mit Mohammed an der Spitze und seinen Nachfolgern, die Ursprungsländer eroberte, die Bevölkerung zum Teil ausrottete, vertrieb oder, was damals noch mehr der Gewohnheit entsprach, die Leute zum Glaubenswechsel zwang. Also, der ursprüngliche Kern, die Substanz, aus dem sich die christliche Religion entwickelt hat, bestand schon im Mittelalter nur noch teilweise. Bis die Kreise, in denen sich die Tradition von Anfang an festgesetzt hatte, auch noch zerschlagen wurden, dauerte es noch etwas länger. Ich denke an Nordafrika, das auch ganz islamitisch wurde, an Kleinasien, die heutige Türkei, und Vorderasien, die in immer größerem Maße dem Islam verfielen. Schließlich blieb noch ein kleiner Rumpfstaat, Byzanz; aber auch er wurde schließlich besiegt und vernichtet.
Aus Byzanz kamen die Schätze des Humanismus nach dem Westen. Der christliche Einfluss aber dehnte sich nach Russland aus, sowie in den Osten und Nordosten Europas. Der geschichtliche Prozess löste das Christentum in Palästina und Kleinasien von seinen historischen Wurzeln ab. Die einzige Verbindung war schließlich nur noch die Bibel. Sie stammte tatsächlich von Palästina, das Alte wie auch das Neue Testament. Man lebte im Westen in dieser neuen christlichen Welt ohne eine Ahnung von dem Leben, der Weltanschauung, der Weltsicht und vor allem der Erbschaft der dortigen Menschen, jener Erbschaft, wodurch sie ein so reiches Leben gelebt hatten, und die durch Jahrtausende bewahrt worden war. Wenn Paulus und die Kirchenväter von Tradition und Überlieferung sprechen, so knüpfen sie in ihren Predigten dort an, an einem geistigen Gut, das damals selbstverständlich war. Jede Sprache in Europa benutzt Ausdrücke und Wörter aus einem Wissen, das seit Hunderten von Jahren europäisches Wissen ist. Wenn ich von einem Wissenskern spreche, muss ich das nicht weiter erklären. Der Ausdruck »Kern« ist von den Atomkernen und ihrer gewaltigen Kraft genügend bekannt. Auch das Judentum, mit seiner weitläufigen Geschichte, hat einen Kern-Komplex des Wissens aus der antiken Welt tatsächlich ohne Unterbruch bewahrt und mit sich getragen. Diesen Komplex, mit dem man lebte, den man wusste und in dem man dachte, vermittelte die Bibel, das Alte Testament. Man erzählte sich, was in der Bibel jedes Wort, jeder Satz bedeutet und was die Begriffe aussagen; sonst hätte man einfach sehr vieles nicht verstanden. Es eröffneten sich nun aber verschiedene Auslegungen, und es ergaben sich Streitigkeiten um den Inhalt der Begriffe. Die Gefahr der Willkür bestand. Es ist unter den Juden auch immer wieder vorgekommen, dass man ohne das große Wissen der Tradition über die Bibel sprach und sagte, die Bibel meine speziell dieses oder jenes – ganz nach eigenem Gutdünken. So lässt sich die Bibel denn auch von Sekten und politischen Gruppen ausnutzen. Man kann alles mit ihr beweisen, wenn man nur will. Denn viele ihrer Begriffe sind für uns ohne Auslegung ihrer Bedeutung zu vage, so dass wir tatsächlich keine eigene Antwort geben könnten. Es ist ausgeschlossen, den Sinn gewisser Bilder zu erkennen, ohne über andere Dinge und Zusammenhänge Bescheid zu wissen. Ohne Verständnis kann der eine sagen: »Dieses Gleichnis sehe ich so.« Und ein anderer: »Nein, ich sehe das Gleichnis so.« Der Esel, der Fisch, das Brot, sie werden nach Gutdünken ausgelegt. Man kann so unendlich fortfahren. Es musste aber so kommen; denn ich kann nur wiederholen, in der Welt ist nichts, das Gott nicht wollte. Sonst wäre es nicht geschehen. Und wir sollten nicht kritisieren, dass es so kam. Wir können es uns ja nur rein menschlich erklären. So hat sich also zum Beispiel die europäische Kultur entwickelt, die großen Einfluss auf andere Weltteile hatte, auf Nordamerika, auf Südamerika ausgriff und noch weiter durch die Kolonisation. Wenn wir indes gewaltige Gebiete in Asien und Afrika betrachten, dann fehlt dort jede europäische Kultur, höchstens dass heute große Stauwerke gebaut werden. Man hat dort natürlich auch Kanonen, Tanks und Radar, dann aber hört die europäische Kultur auf. Es gibt keine Verwandtschaft mit dem europäischen Denken. Auch der religiöse Kult und die religiöse Denkart tragen andere Züge.
Das Gemeinsame liegt nur an der Oberfläche. Kommt man mit Japanern und Chinesen ins Gespräch, so wissen sie selbstverständlich gewisse Dinge über unsere Technik. Sobald es aber um Wichtigeres geht, sieht man sich einer vollkommen anderen Welt gegenüber, einer anderen Geschichte, einer anderen Tradition, ganz anderen Bräuchen, die uns sehr fremd sind. Wir machen sie vielleicht ein wenig lächerlich, so wie die anderen auch über uns lächeln: Reichlich komisch! So sehen wir eine völlig fremde Welt.
Spricht man mit diesen Menschen, und nicht nur über Produktion, Handel und Schiffahrt, so merkt man, dass sich eine ganz andere Welt öffnet. Deshalb spricht man kaum etwas Wesentliches mit diesen Leuten. Es besteht die Gefahr, dass man sich fremd bleibt. Man spürt sogleich, es ist hoffnungslos weiterzureden, weil die Menschen dort mit ihren völlig anderen Begriffen einfach nicht verstehen können.

Nun ist aber ein entscheidender Wandel eingetreten. Europa war für die Welt lange Zeit, bis vielleicht vor hundert Jahren, stärker als vor fünfzig Jahren und noch viel stärker als vor zwanzig Jahren, tonangebend. Jetzt hat Europa die Weltrolle wieder verloren. Bis vor hundert Jahren war die europäische Welt beherrschend. Die anderen lebten zwar auch, aber ohne dass sie von den Europäern als gleichwertig behandelt worden wären. Jetzt indes ist die andere Welt explodiert, und wir sehen: Europa, die europäische Kultur, ist nur ein winziger Teil, wie auch Nordamerika nur ein kleiner Teil der Welt ist. Die übrige Welt lässt nun von sich hören und kündigt sich an: Auch wir sind hier!
Heute können wir es nicht mehr übersehen: die zwei Großmächte, welche die Kultur mitbestimmen und den Gang der Welt, sind Asiaten. Dort herrschen Begriffe, die wir nicht verstehen. Ganz abgesehen davon ist der weitaus größte Teil der Menschheit asiatisch, und Europa macht nur einen kleinen Bruchteil der Welt aus.
Wir sind auch Zeuge, dass die europäische Kultur ein ganz neues Gesicht bekam. Die Formen erscheinen europäisch, aber das innerlich Europäische, das früher mit dem Christlichen in katholischer, protestantischer oder griechisch-orthodoxer Konfession gleichzusetzen war, ist im Begriffe, sich vom europäischen Menschen zu lösen. Jetzt werden dessen Entscheidungen von ganz anderen Momenten bestimmt. Er meint jetzt in erster Linie das Äußere: ob sein Wohlstand sich vermehre, die politische Ruhe zunehme, oder welche weiteren wissenschaftlichen Forschungen wünschbar seien. Diese Vorstellungen haben mit dem Christentum nichts mehr zu tun.
Es ist eine Zeit angebrochen, in der das Christentum eine große Krise durchmacht. Nur die Sekten hier und dort, die isoliert leben, tun so, als ob nur sie existierten, wie auch ein Egoist glaubt, nur sein Ich zähle in der Welt, und alles andere könne untergehen, wenn nur ihm nichts geschehe.
Man spricht von der religiösen Krise, weil der moderne Mensch aufhört, an das zu glauben, woran er bisher geglaubt hatte. In der letzten Generation meinte er zu glauben, aber er glaubte nicht mehr wirklich. Er hatte sich in einen sanften Schlummer gewiegt. Er dachte, es könne vielleicht noch etwas daran sein, aber es war kein wirklicher Glaube mehr, keine Überzeugung und keine Sicherheit. Es hat keinen Sinn, hier ausführlicher über die Gründe dieser Entwicklung zu berichten. Ich will nur feststellen, dass es so war. Heute stehen wir vor einer Situation, die weit schlimmer ist als die Umweltverschmutzung. Es ist eine Art Seelenentleerung, eine Entseelung der Welt, eine Glaubensleere, katastrophal und wahrscheinlich viel gefährlicher als jede Art von Umweltverschmutzung. Dagegen lässt sich technisch etwas unternehmen. Aber gegen das andere kann man nichts unternehmen, denn einen Menschen zu überzeugen, das wissen wir alle, ist ein sehr schwieriges Unternehmen. Jeder Mensch glaubt in seiner Angst und Unsicherheit, er habe recht. Er will nichts anderes hören. Je ängstlicher und unsicherer er ist, desto weniger will er hören. Nur er hat recht, und seine Freunde haben recht, alle anderen haben keine Ahnung. Wenn man dann prüft, was er an Beweisen vorbringt, und was sein Leben anfüllt, dann findet man, eigentlich sei er verrückt – wie kann er nur daran glauben. Was ist eigentlich los mit ihm, weiß er von dem Anderen nichts, oder will er es nicht wissen?
Es bleibt eben diese große Leere in der Welt. Man hat nichts, weiß nichts, ist unsicher und klammert sich an den materiellen Wohlstand, und man hofft, dass man recht alt werde. Über das Kommende will man nicht mehr nachdenken. Die Ausnahme bilden die Futurologen. Der Ausdruck ist genügend bekannt: Nach uns die Sintflut! Damals, in der französischen Geschichte des 18. Jahrhunderts, als 1789 die Revolution in Frankreich ausbrach, da wusste man: so geht es nicht weiter. Eine Katastrophe kam über Frankreich, und Europa hat sich geändert. Aber was später folgte, nach einiger Zeit der Ruhe, einem Jahrzehnt oder einigen Jahrzehnten, das war viel einschneidender. Europa hat sich nach 1815 mehr geändert als Jahrhunderte zuvor. Äußerlich und auch innerlich. Europa und die Welt haben einen ganz anderen Menschen hervorgebracht. Man kann die heutige Jugend nicht mehr verstehen und findet, sie benähme sich leicht verrückt, ohne weiter nach dem Grund zu fragen. Es ist wirklich nicht anzunehmen, dass alle Jungen ganz verdorben sind, aber warum benehmen sie sich so? Ist es vielleicht eine Krankheit? Fehlt ihnen etwas? Protestieren und rufen sie vielleicht, wie ein Verwundeter schreit?
Es sind ja nicht nur die Autos, welche die Welt verschmutzen, sondern es greift etwas ganz anderes um sich. Der Mensch nämlich ist vergiftet, oder er ist ganz ausgehöhlt, leer geworden und abgestorben. Und diese Tatsache ist viel schlimmer, denn diese Art Mensch kümmert sich nicht um Umweltverschmutzung, kümmert sich nicht im geringsten um diese Welt, glaubt nicht mehr an sie. Diese Menschen sagen, wir wollen genießen, solange es noch geht, wir machen mit, wir wollen unser Vergnügen – aber viel weiter, was kann denn schon sein?

Die Welt hat auf dem schon lange eingeschlagenen Wege so weit kommen müssen. Wir wissen alle, wie es um die christliche Religion steht. Im Judentum und im Islam ist es genauso. Das Zeitalter der Religion – man wagt es kaum zu sagen – ist zu Ende. Hie und da trifft man noch ein kleines Häufchen Gläubige, aber für die Welt ist es nicht mehr da. Man kann hören: Bei Wahlen haben religiöse Parteien doch oft noch viele Stimmen, aber man vergisst, hier stimmt man nicht für die Religion, man stimmt ab über wirtschaftliche Versprechen, über politische Versprechen dieser Parteien. Die Politiker selber wagen kaum mehr über Religion zu reden, hie und da einmal, weil es irgendwie dazu gehört, zu dem, was man den konservativen Menschen nennt, der das Alte behalten will. Der erwähnt manchmal die Worte der Bibel. Und ein anderer zitiert einen gegenteiligen Vers, und so hält man sich gegenseitig zum Narren mit religiösen Zitaten, vergisst aber, dass man diese Zitate für wirtschaftliche und politische Zwecke missbraucht. Es hat nichts mehr mit Religion zu tun.
Ich tönte an: das Christentum hat sich in seiner Schönheit und Kraft in Ländern entwickelt, in denen die Verbindung mit den Traditionen der christlichen Frühzeit nicht mehr bestand. Hier, in Europa, in Italien nach seiner Eroberung durch die jungen Völker des Nordens, nach Verwüstungen und Völkerwanderungen, die über Italien hinweggingen und die ganze Welt erschütterten, zerbrach die Ordnung. Ein dünner Faden alter Tradition hielt noch, aber keine echte Verbindung mehr zu dem, in dem das Christentum und das Judentum wurzeln. Dies hat es auch mit sich gebracht, dass nunmehr eine neuartige Motivierung des Christentums ohne die alten Traditionen entstand: das europäisch motivierte Christentum. Auch von einer nordafrikanischen und vorderasiatischen Motivierung kann man sprechen, sie dauerte aber nur kurze Zeit an. Über eine Reihe von Jahrhunderten nach der Völkerwanderung schweigt sich die Geschichtsschreibung so gut wie aus. Es sind Jahrhunderte, über die wir kaum etwas wissen, vielleicht sechs- bis siebenhundert Jahre, während denen Europa ziemlich im Dunkeln liegt. Ich glaubte, die Schuld liege bei den Schulbüchern, und musste mich nach ausführlichen Studien überzeugen, dass man über das damalige Europa wirklich nur sehr wenig weiß. Wir wissen lediglich, dass viele Völkerstämme sich vermischten, immer neue Völkernamen auftauchen. In der Schweiz erscheinen die Helvetier, dann die Römer mit ihrem Völkergemisch des Weltreiches, dann die Alemannen, in Graubünden eine Zeitlang vielleicht Etrusker und im Wallis die Sarazenen. Die Sagen erzählen, woher sie kamen, da ihr Weg Jahrhunderte dauerte. Und auf ihren eigenen Traditionen errichteten sie einen Überbau, man könnte vielleicht sagen, eine universale Weltanschauung, eine Welt des Wissens, die christlich geprägt war und nur eine Kirche, die katholische, zuließ. Bei Thomas von Aquin zum Beispiel begegnen wir einer Philosophie der Welt, des Glaubens und des Wissens. Sie hat sich immer mehr entwickelt, Europa bekam nicht nur seine philosophischen Grundlagen durch das Christentum, über die Verbindungen mit Spanien gewann auch die arabische Kultur ihren Einfluss. Die arabische Kultur war damals eine der wichtigsten Kulturen der Welt. Sie hat über Spanien und weiter nach Frankreich und auf das übrige Europa eingewirkt. Großartige Werke des Denkens und Wissens sind von ihr geschaffen worden. Dann entwickelte sich Ende des Mittelalters eine Forschertätigkeit, aus der die moderne Naturwissenschaft hervorgehen sollte. Man untersuchte die Materie. Man betrachtete sie und nahm die Natur wahr. Eine neue Art der Weltanschauung brach sich Bahn. Diesseits der Alpen begann der Humanismus, Erasmus, Reuchlin, der religiös-nationale Hus waren seine Begründer. Und jetzt war eine europäische Grundlage, eine europäische Auslegung, Motivierung und Erklärung des Neuen Testaments geschaffen. Von dieser, der christlich-europäischen Seite, machte man sich an die Auslegung des Alten Testamentes. Die Grundlagen des Alten Testamentes sind indessen von ganz anderer Art. Sie wurden von europäisch motivierten Christen übernommen, und sie wurden dementsprechend ausgelegt.
Die Ausleger glaubten, was sie schrieben. Es gab großartige Menschen darunter, einmalige Persönlichkeiten der Weltgeschichte. An Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bei der Suche nach der Wahrheit hat es ihnen nicht gemangelt. Ihnen verdanken wir zum Beispiel, dass sie die alte griechische Kultur, Aristoteles, Plato und viele andere, in die europäische Kultur einbauten, die dann starke christliche Prägung erhielt. Die Grundlage und Lebensform dieser gelehrten Forscher und Prediger war vorwiegend griechisch-römischer Geisteshaltung. Keinesfalls jüdischer. All dies hat seinen Sinn gehabt und hat so sein müssen. Ohne diese Periode wäre Europa nie christlich geworden, und die Welt hätte wohl nie etwas von der Bibel gehört.
Das Judentum lebte, soweit es uns geschichtlich bekannt ist, immer für sich, ganz abgeschlossen. Es war kaum je darum besorgt, andere Völker von den Ideen zu überzeugen, aus denen es sich erhielt. In den Jahrhunderten vor Christus und auch in seinem Jahrhundert, hört man zuweilen, dass Grenzvölker zu Juden wurden. Was da genau geschehen ist, weiß man nicht mehr. Diese Geschichten sind nicht biblisch. Sie stammen aus anderen Quellen. Es sieht so aus, als ob man einfach nach der Eroberung eines Landstrichs den Bewohnern gesagt hätte: »Nun seid ihr Juden und somit trauen wir euch. Wenn ihr aber nicht wollt, dann verlasst dieses Land, oder es geschieht euch etwas.« In Babel, wo die Juden nach ihrer Verbannung durch Nebukadnezar wohnten, lebten sie als geschlossene Gemeinschaft. Schon nach der Verwüstung des ersten Tempels ist der weitaus größte Teil des jüdischen Volkes dorthin in die Verbannung gebracht worden, nur ein winziger Teil ist später unter Esra und Nehemia zurückgekehrt. Man spricht von vierzigtausend Menschen. Ob diese Zahl real ist oder einen symbolischen Wert darstellt, weiß ich nicht. Sicher ist, dass der weitaus größere Teil in den Ländern der Verbannung verblieb. Nach der jüdischen Zeitrechnung fand die Verbannung vor etwa 2500 Jahren statt. Wie wenige Juden aber nach Palästina zurückkehrten, ist sozusagen unbekannt geblieben. Man glaubt immer, es hätte sich um alle Juden gehandelt. Heute kehren weit mehr Juden nach Palästina zurück als unter Esra und Nehemia. Mindestens ein Viertel der Judenheit lebt heute in Israel, unter Esra und Nehemia war es ein viel kleinerer Prozentsatz, welcher die Rückkehr in die Heimat wählte.
Doch überall, auch im heutigen Irak und heutigen Iran, bzw. Persien, lebten sie ganz für sich. Über Nordafrika verstreut lebte eine große Zahl von Juden. Viele waren nach Ägypten geflohen und haben sich dann weiter über die Küste verbreitet. Viele flohen nach Vorderasien und bildeten dort große jüdische Gemeinden. Viele flohen nach Italien und Griechenland, nach Athen und Rom. Sie bildeten dort einen relativ großen Bevölkerungsteil, aber auch dort lebten sie unter sich abgesondert. Vom Wunder der Bibel erzählten sie nicht. Sie fühlten kein Bedürfnis danach und fanden wahrscheinlich, dass die Welt um sie so weit von der ihren entfernt war, dass man mit diesen Heiden einfach nicht reden könne. Sie seien doch so überzeugt, recht zu haben, dass es besser sei zu schweigen. Das hat sich erst geändert, als das Christentum erstarkte und anfing, sich in Europa auszubreiten. Rom machte es zur Staatsreligion. Weil es die Macht des römischen Weltreichs hinter sich hatte, fing es auch eine eifrige Mission unter den Heiden Europas an. Ein ganz neues Lebensgefühl leitete es, da die Verbindung mit dem alten Wissen abgerissen war. Insofern es noch, während des Krieges 66-70 nach Christus und später in den Jahren 135-138, Judenchristen gab, sind sie in der Folge fast durchwegs vertrieben und auf dem Sklavenmarkt verkauft worden oder zwangsweise zu Römern gemacht worden, also zu Heiden.
In Galiläa, im Norden des Landes, hielten sich Reste christlich jüdischer, auch alt jüdischer Gemeinden. Aber sie waren schwach und sind allmählich fast völlig ausgelöscht worden. Nur einige kleine Gruppen können sich darauf berufen, ohne Unterbruch dort ihren Wohnsitz gehabt zu haben. Und dann ist erst noch die Frage, ob es stimmt, denn manchmal denkt man sich nur, dass es sich so verhalten habe. Dafür ein typisches Beispiel: Ein ehemaliger Präsident von Israel, Ben Zwi, der auch als Wissenschaftler tätig war, hat sich speziell für die Untersuchung der Frage interessiert, wie sich die Bevölkerung Israels zusammensetze, und woher sie stamme. Er meinte damit natürlich nur die arabische Bevölkerung. Woher die jüdische kam, aus Russland, Deutschland usw., das wusste man. In seinen Büchern gelangte er zu einem merkwürdigen Schluss: Die Araber in Palästina seien vorwiegend Islamiten und nur wenige Prozent darunter wirklich Araber. Von diesen sei ein großer Teil erst später aus Arabien zugewandert. Die Mehrheit der Bevölkerung stamme von den Ureinwohnern ab, die dort ansässig waren, als die Araber Palästina eroberten, zur Zeit Mohammeds. Sie seien damals zwangsweise Islamiten geworden. Die Bevölkerung setze sich aus Juden, Judenchristen, Griechen und Römern zusammen, und Leuten, die im Laufe der Jahrhunderte in Palästina hängengeblieben seien. Offiziell seien das alles Araber. Es seien aber keine Araber. Ich halte diese Untersuchungen für eine wissenschaftlich ehrliche Arbeit.
Ben Zwi, der auch ein frommer Mann war, hat unter anderem eine ganz merkwürdige Geschichte von einem Dorf in der Nähe Hebrons erzählt, wo heute die gefährlichsten Araber, man könnte sagen, die Fedayin, hausen. Es ist ein Dorf der dauernden Unruhen. Es wird dort im Handumdrehen geschossen und Minen werden gelegt. Dies Dorf sei vor etwa hundertzwanzig Jahren, um 1840, noch jüdisch gewesen, dann auf Befehl mohammedanisiert worden. Diese Abkömmlinge von Juden sind heute die wildesten Terroristen. Wir sehen also, wie es mit einer anfänglich jüdischen und jüdisch-christlichen Bevölkerung gehen kann. Und wahrscheinlich ging man in der Türkei genau gleich vor, und wandelte alle die alten christlichen Gemeinden um. Es hat mich immer gewundert – ich verbrachte drei Jahre in der Türkei –, Türken zu begegnen, die blond, blauäugig waren, von einer ganz anderen Rasse, nur keine Türken, und dennoch seit Jahrhunderten Türken waren. Ja, meinten sie, man habe ihnen öfters gesagt, sie seien wahrscheinlich Griechen, die später, im 13. oder 14. Jahrhundert, als die Osmanen eingefallen waren, einfach vertürkt wurden. Sie kämpften für Mohammed und den Sultan, waren sogar vielleicht bei der Belagerung Wiens dabei und halfen, den Balkan türkisch-islamisch machen. Das waren ursprünglich vielleicht die ersten christlichen und vorher jüdischen Gemeinschaften, hochgebildet, Hüter alter Tradition.
Ich will mit diesen einführenden Worten sagen – da ich ja vom Neuen Testament sprechen will –, dass Sie von mir nicht erwarten können, ich würde dogmatisch oder im Anschluss an die Kirchenväter etwas erklären. Meine Tradition liegt nun einmal an einem ganz anderen Ort. Es ist eine völlig andere Tradition. Zum Teil beruht das Wissen der Kirchenväter auf der Gnosis, und diese Gnosis färbte die frühchristlichen Lehren. Es handelte sich dabei um eine Philosophie, halb christlich, halb heidnisch, mit jüdischen Elementen durchsetzt. Die frühen christlichen Schriftsteller waren stark von ihr beeinflusst. Sie redeten ja zur damaligen Welt, und sie haben deshalb die Begriffe der Welt benutzt, um mit ihnen das Christentum zu erklären. Die Völker hätten es sonst nicht verstanden. Man musste also die vorhandenen Begriffe benutzen, um deutlich zu machen, was gemeint sei.
Man kann sich vorstellen, dass die religiösen Häupter hie und da auf Juden gestoßen sind, und staunten über ganze Bibliotheken voll von Manuskripten, Schränke, gefüllt mit Handschriften, die über die Tradition erzählten, aber auf eine ganz fremde Weise. Die Juden, die diese Schätze besaßen, sagten, dies sei die jüdische Tradition. Worauf selbstverständlich das folgte, was immer erfolgt. Man sagt: Das kenne ich nicht, und wie soll ich es anfangen, einen Riesenschrank, vollgestopft mit tausend Büchern, zu studieren? Wenn ich anfange, bin ich zunächst nur ein Analphabet, kann die Sprache kaum lesen, und das soll ich alles studieren können? Wir haben schon eine Lehre aufgebaut, und wie sollen die Leute es verstehen, wenn wir sie jetzt etwas ganz anderes lehren? So haben wir es nun aufgebaut, und so geben wir es weiter. – Diese Abkehr von der alten Tradition bewirkte auf die Dauer auch eine Irritierung, ein Ärgernis; wenn man nur davon hörte, sagte man schon: Das ist schlecht, falsch, verrückt und unsinnig. Diese seltsamen Leute wollen einfach nicht an die neue Lehre glauben, sie sind hartnäckig und weigern sich zu glauben. Was können also ihre Schriften schon Gutes enthalten? Das darf man einfach nicht lesen. Folgerichtig kamen dann die Zeiten der Verfolgung und Verbrennung dieser Schriften. Sie wurden in großem Maßstab immer wieder beschlagnahmt und verbrannt, ohne dass man überhaupt lesen konnte, was darin stand. Man sagte, es seien ketzerische Schriften, sie seien nicht von Gutem. Die Juden hätten ganz andere Ideen. Sie lebten anders, etwas könne da nicht stimmen, man müsse es eben verbrennen. Es entstand ein Leitsatz europäischen Christentums, der noch nicht sehr alt ist, vielleicht etwa tausend Jahre, dass man sich sträubte, irgend eine alte Quelle aus dem Judentum anzuerkennen, weil es einfach nicht in die Denkweise des Christen hineinpasste. In diese Welt, die man sich mit dem Christentum aufgebaut hatte. Dass man mit der Bibel auch nicht zurechtkam, wusste man recht gut. Die vielen Auslegungen der Bibel führten immer wieder zu neuen Sektenbildungen und im Katholizismus zu immer neuen Abweichungen. Mit dem Protestantismus zog eine Menge von neuen Vorstellungen ein, Luther, Zwingli, Calvin – es hörte nicht auf. Zusammen mit dem Kirchenwesen Englands und der Aufsplitterung in Amerika sind die Glaubensrichtungen fast nicht mehr zu zählen. Eine jede interpretiert auf ihre Weise, weil eine richtunggebende Grundlage fehlt. Man weiß nicht mehr, wie die Bücher der Bibel einst gelebt wurden, wie die Menschen waren, von denen in der Bibel erzählt wird. Jene Menschen können sicher nicht thomistisch gedacht haben. Ihr Thomas von Aquin wurde ja erst tausend Jahre später geboren. Die Gedankenwelt eines Esra und Nehemia war fremd geworden. Damals trug alles ein anderes Gesicht. Auch die Begriffe hatten einen anderen Inhalt, zu dem man den Anschluss verloren hatte.
Das ist meine Sicht der Dinge. Wenn ich Ihnen nun verspreche, aus dem Midrasch zu erzählen, dann dürfen Sie gar nichts von der christlichen Lehre erwarten, wie sie Ihnen oft erzählt wurde. Erstens kenne ich sie zu wenig, und zweitens weiß ich nur so viel, wie ein normaler Laie der heutigen Welt davon wissen kann. Ich bin vielleicht ähnlich einem gebildeten Christen. Ich kenne die Quellen und auch die theologischen Bücher, so gut wie ein Theologe freilich nicht. Sicher weiß ich nur, dass alle Bücher, die Theologen studieren müssen oder studieren wollen, nichts vom Inhalt der Quellen aus der Zeit enthalten, als die Bibel gelebt wurde. Wie ich Ihnen schon sagte: Wenn man von etwas keine Ahnung hat, so ist man naturgemäß dagegen.
Solche Reaktionen sind zu erwarten, wenn es um den Glauben geht, um eine Überzeugung, die plötzlich in Frage gestellt wird.

In der theologischen Befriedigung, alles möglichst spät zu datieren, ist eine Art Schadenfreude verborgen, eine bösartige Freude, die man gegenüber anderen Religionen hegt, dass man alte Quellen, um ihr Alter nicht anzuerkennen, auf später datiert. Zum Beispiel auf das Jahr, in dem eine Niederschrift angefertigt wurde. Finden wir eine Handschrift aus dem Jahre 1291, und eine ältere ist nicht entdeckt, dann behaupten wir, das sei erstmals um 1291 geschrieben worden, wird aber später eine Handschrift aus dem Jahre 1033 gefunden, so entsteht eine neue Theorie, eine neue Doktorarbeit. Keiner wird zugeben, dass es vielleicht noch ältere Handschriften gibt, oder dass vielleicht zuerst gar nicht aufgeschrieben wurde und man nur erzählte und erklärte, mündlich. So hat sich in der Theologie eine befriedigende Boshaftigkeit entwickelt, alles auf möglichst spät zu datieren. Das Neue Testament erlebt das gleiche Schicksal. Ich weiß von christlichen Theologen, die mir immer zu erklären und mich zu überzeugen versuchten, dass im Neuen Testament alles viel neueren Datums sei als angenommen. Es sei eben nicht wahr, dass alles von Paulus stamme, was seinen Namen trage. Bei weitem nicht alles sei von ihm selbst geschrieben worden, und die ersten Niederschriften des Matthäus seien auf eine viel spätere Zeit zu datieren. Die Behauptung, dass die Basis fehle, für die man sich verbürgen könne, dass das Neue Testament auf ihr beruhe, muss eine eigenartige Genugtuung verschaffen. So lässt sich vorstellen, dass man unbewusst böswillig wird, und aus diesem Grunde alles Geschehen auf einen späteren Zeitpunkt ansetzt. Zwar sei die Bibel von Leuten gemacht, die sehr gut zu schreiben und zu formulieren wussten, vielleicht auch heilig genannt werden dürften, wobei man heute allerdings das Wort »heilig« mit einem gewissen Lächeln ausspricht, heilig klinge doch etwas komisch. Man anerkennt sie freilich doch als große Menschen, als Propheten, worunter man schon wieder etwas ganz anderes versteht als früher. Und so hat sich denn alles weiter entwickelt, dass einfach keine Wurzel der Bibel mehr existiert, die im Menschentum wirklich bis zum Uranfang, bis in die Schöpfung zurückreicht. Entweder ist die Wurzel einfach abgerissen worden, oder man leugnet, dass von diesem Ort eine Verbindung bis zur Wurzel bestehe. Wenn dem Baume ein neuer Zweig aufgepfropft wird, sagt man, alles fange erst damit an, wo das Pfropfreis beginne. Den Baum sieht man nicht, der ganze Baum existiert nicht mehr. Oder der Baum ist böse und krank, und nur das Stück, wo ich bin, existiert noch. Sonst nichts. Mit der Ratlosigkeit kam diese Denkart auf. Man wusste nichts mehr von diesem Ersten, Alten, zu erzählen.
Was später alles gesagt wurde, berücksichtige ich hier nicht. Es musste alles so geschehen, und es war der Weg für die Welt, dass es so bekannt wurde. Es hat seinen Sinn gehabt.
Aber jetzt, wir sehen es täglich, leben wir in einer Periode, in der neue Richtungen und Denkmodelle wenig nützen. Ihre Analysen trocknen aus. Man spürt, dass die einzige Rettung darin bestände, die Verbindung mit der Wurzel wieder aufzunehmen. Vielleicht fängt durch diese Verbindung alles wieder an zu leben, zu grünen, weil dann etwas keimt, das wir die ganze Zeit einfach übersahen und für nichts achteten. Die Kirchenhäupter wollten nichts davon wissen; sie kümmerten sich gar nicht darum, sie konnten meistens auch die Quellen nicht lesen.
Die hebräischen Sprachkenntnisse waren jedenfalls dürftig. Es reizt zum Lachen, wenn man in zeitgenössischen Schriften Zitate liest. Es sind Verschrobenheiten. Man verstand zwar einzelne Worte, aber nicht den Bedeutungszusammenhang der Sätze. Überzeugt davon, dass kein Mensch es kontrollieren könne, wurde etwas zusammengeschrieben. Von den Wurzeln der Sprache wusste man nichts mehr.

Man glaubte nicht mehr an die Angaben der Bibel. Jesaja sei zum Beispiel gar nicht von Jesaja geschrieben worden, sondern viel später. Gleiches gelte von den Evangelien. Es seien zeitlich verschiedene Texte zu unterscheiden, und man müsse die Datierung viel später ansetzen als bisher. Vor vielen Textstellen steht man ratlos und verlegen. Die Pfarrer dachten, sie müssten nun einmal predigen, woran sie selbst nicht mehr glauben konnten, weil es ihnen die Wissenschaft als unwahr bewiesen habe. Ihrer Ansicht nach war die Wahrheit, dass das Quellenmaterial unzuverlässig sei. Dadurch habe es auch mit Jesus nichts mehr zu tun, wenn es überhaupt eine Schrift gab, deren Verfasser als Zeuge dabei war. So entwickelte sich in Ermangelung eines Besseren das Christentum zu einer Moral-Religion, nach der man »brav« zu sein hatte. Jeder Staat besaß seine eigene Kirche, die sich gegen die anderen Kirchen abgrenzte. Eine neue Art Heidentum machte sich breit, wobei im Grunde nur der Staat galt und die Staatskirche. Alles andere sah man als fremd und feindlich an, man verstand sich nicht mehr. Die Vorstufe der katastrophalen Lage von heute war erreicht.
Ich werde nun also im Zusammenhang mit den alten Quellen vom Matthäus-Evangelium erzählen, vor allem wie diese Quellen aufzufassen sind, woher und wodurch sie auf uns kamen. So könnte vieles wieder lebendig werden, weil die Verbindung mit den Wurzeln wieder hergestellt ist. Und dann erkennt man im Neuen Testament die Spuren von dem, was die jüdische Überlieferung kennt als die Geschichte der Erlösung. Wie wird denn der Mensch erlöst?
Keineswegs mit Rechthaberei. Habe ich recht, oder hast du recht – so geht es doch immer. Und ich werde es dir beweisen, da Vers soundso, und dann haben die Leute immer so ein Buch bei sich und blättern ganz schnell und zeigen auf Verse, die meist angestrichen sind. Schau, dieser Vers sagt das auch, und ich habe also recht. Der andere aber blättert ebenfalls, zeigt dir einen anderen Vers: Nein, ich habe recht, denn hier steht .. . Und so geht es endlos weiter, jeder hat seine Theorie aus lauter Unsicherheit sich ausgedacht.
Die Bibel ist, wenn wir das einmal festhalten wollen, in erster Linie ein heiliges Buch, das man nicht gebrauchen kann, um sein Recht zu beweisen. Überhaupt, wenn ein Mensch das Bedürfnis hat, sein Recht zu beweisen, befürchte ich, dass er gar nicht recht hat. Ich empfinde es als einen Hinweis, dass er sich zumindest sehr unsicher fühlt. Er will sich immer selber überzeugen und beweisen, dass er recht hat, weil er eigentlich nicht spürt, ob es auch stimmt. Die Bibel ist ein Ganzes, das muss man stets sehen.
Wenn ich schon zitieren will, könnte ich aus den Büchern Mose Zitate herausgreifen, die mir beweisen, dass ich recht habe, wenn ich Völker, die vertrieben werden sollen, mit Frauen, Kindern und allem ausrotten will. Es steht so in der Bibel: Rottet sie aus ohne Mitleid und Erbarmen! Andere Stellen freilich stimmen wieder nicht damit überein. Aber ich könnte fortwährend mit der Bibel in der Hand beweisen und gegenbeweisen. Das geht nicht. Denn die Bibel ist wie die Welt: eine Schöpfung. So mannigfaltig wie die Welt ist, so vielfältig ist die Bibel. Alles ist in ihr enthalten. Aber auch alles, von einem Ende bis zum anderen, äußersten Ende. Aber eben mit dem Sinn, auch ein Ganzes zu bleiben. Schon die Idee, die manche Leute auf jüdischer und christlicher Seite hegen, dass es ein Altes und ein Neues Testament gebe, ist der Beweis, dass eine falsche Anschauung sich eingeschlichen hat. Bestimmt, es gibt einen Bund und eine Erneuerung des Bundes, aber das eine kann nur auf der Basis des anderen gründen und bestehen.

Das Neue Testament spricht über die Erlösung, und wie die Erlösung in die Welt und über die Menschen kommt, und was dann geschieht. Und wenn ich in diesem Sinne spreche und es so sehe, so muss ich erst hervorheben, welch eine Fülle der Tradition sich anbietet, aus der geschöpft werden kann, und um die jene Leute wussten, die noch in dieser Tradition standen. Sie schrieben aus diesem Wissen. Alles ist schließlich eine Inspiration Gottes. Ihre Schriften stammen aus jener Welt, und sie wussten und kannten die Worte, in welche die biblischen Erzählungen gekleidet waren.

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Einleitung aus dem Buch "Die jüdischen Wurzeln des Matthäus-Evangeliums" (Abschrift des gleichnamigen Vortrages 71Z1)